Kapitel 7Der Briefschreiber

Brief Hebels an seinen Freund Christoph Friedrich Karl von Kölle
Zum ObjektNirgendwo wird deutlicher, dass Hebel zur Species der homines ludentes gehört, als in seinen Briefen. Fast überall in seiner Korrespondenz, wenn sie nicht gerade an Würdenträger gerichtet oder in amtlichen Geschäften verfasst war, brach sich sein Spieltrieb Bahn. Rollen- und Sprachspiele, Ironie und Maskeraden, Inszenierung und Hintersinn, Nonsense und Charaden – sie verraten eine tiefe Abneigung gegen den hohen Ton.
Werkpolitik

Hebel kannte noch keine Briefmarken, seinen Wert als Schriftsteller aber durchaus.
Zum ObjektSophie Haufe gibt in ihren Zeit- und Hebelerinnerungen einen Einblick in das Zustandekommen der ersten Ausgaben von Hebels Briefen. Es wird deutlich, dass Hebel, dem in solchen Dingen oft eine naive Bescheidenheit unterstellt wird, seine Briefe nach Schriftstellerart durchaus als für die Nachwelt interessante Zeugnisse seines Lebens und seiner Sprachkunst betrachtete: »Einmal frug Hebel meinen Mann, ob er seine Briefe aufhebe. ›Ja, meine Frau hat alle‹, so sagte er. ›Ich sehe, daß man mich gerne liest, und Sie können einst vielleicht einen Vorteil davon haben.‹ Daher kam es, daß, als wir nach seinem Tode von dem Verleger seiner Schriften dazu aufgefordert wurden, unsern Beitrag auch zu geben, er uns dafür das vorhandene Konversationslexikon gebunden nebst Lessings Schriften und einem Forte-Piano zusandte, auch den vier Töchtern für die schöne Abschrift der Briefe vier goldene verzierte Ringe. Die Original-Briefe blieben unser eigen.«
Lateiner unter sich

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In parodisierendem Latein verfasster Brief an Johann Albrecht Ittner
Zum Objekt (mit Übersetzung)Einen ganz eigenen Witz entwickelt Hebel in seinem Briefwechsel mit Johann Albrecht Ittner (1754-1825), den er nach folgender Einleitung größtenteils auf Latein führte: »Ihr liebes Schreiben oder warum schreib’ ich nicht lieber et literae Tuae mellitissimae et Olisbus, non sale modo conditus, sed et oleo inunctus, mirifice me delectaverunt, vir et amice dulcissime plurimumque colende!« [… und deine überaus lieblichen Briefe und der Olisbus – nicht nur mit Salz gewürzt, sondern auch mit Öl gesalbt – haben mich wunderbar erfreut, du überaus lieber und hochgeschätzter Mann und Freund!] (Z 286). Ittner hatte in Göttingen Jurisprudenz studiert und sich überdem, auf Anregung des bekannten Altertumswissenschaftlers Christian Gottlob Heyne, in die klassischen Sprachen vertieft. Hebel schätzte seine Kenntnisse sehr hoch ein. So schreibt er an Hitzig über Ittners Piae memoriae Caroli Friderici Magni Badarum ducis, er wisse nicht, ob er »etwas so klassisches aus neuer Zeit gelesen habe« (Z 335). Der Witz von Hebels Briefen lebt davon, dass er seiner Sprache eine parodistische Note verleiht, etwa wenn er seinen Namen mit »Mochlos« (griech. Hebel) oder die Interjektion »Ei!« mit »Ovum!« übersetzt. Dass er von Ittner Sinn für diese Art von Humor erwarten durfte, verraten dessen eigene Schriften. Bei dem erwähnten »Olisbus« handelt es sich um eine 1810 anonym erschienene, halb satirische, halb gelehrte Geschichte des Dildos (griech. olisbos). Die in dem hier abgebildeten Brief genannten »Schnauziae« wiederum, die dem Adressaten entgegenleuchten oder für ihn glühen würden, entstammen der ebenfalls von Ittner verfassten und dem Botaniker Karl Christian Gmelin gewidmeten Monographia de schnauziis novo plantarum genere nuper invento, einer neu entdeckten, mit vielen weiblichen Merkmalen behafteten Pflanzengattung.
Kapuziner und Klosterfrau

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Widmungsexemplar der Allemannischen Gedichte für Jäck
Zum ObjektEs gehört zu den Merkwürdigkeiten von Hebels Korrespondenz, dass vor allem Briefe von ihm überliefert sind. Seit Karl Obser 1920 die Verlassenschaftsakten Hebels gesichtet hatte, also die Gerichtsakten, in denen das gesamte Inventar seiner Wohnung in der Erbprinzenstraße 31 unmittelbar nach seinem Tode verzeichnet worden war, war für lange Zeit überhaupt nur ein einziger Brief an Hebel bekannt, nämlich ein Schreiben des Breslauer Verlegers Gruson, das Hebel nicht mehr lebend erreichte. Heute kennen wir fünf Briefe an Hebel. Hinzu kamen: ein Schreiben von Ittner, ein Schreiben von Gmelin, ein Brief des Baumwollfabrikanten Eichthal aus St. Blasien und ein Brief des Pfarrers Marcus Fidelis Jäck (1768-1845). Als Dank für ein Widmungsexemplar der Allemannischen Gedichte hatte Jäck von Triberg aus drei Krüge Kirschenwasser, Kuchen und eine alemannische Epistel an Hebel geschickt, die dieser wiederum mit einem in Mundart verfassten Gedicht beantwortete. Hebels »Chapeziner Dank – [d.h.] mit Segen und Papir« – versetzte Jäck erneut in poetische Stimmung. In seiner hier abgebildeten Versepistel an Hebel wird er »vor lauter Freuden au / so gschwäzig wiene jungi chlosterfrau«. Dass ihm sein eigener Kopf nicht mehr ganz geheuer (ghür) sei, sehe man an dem angehäuften (g’huffige) Papier. Ob damit die Menge beschriebenen Papiers gemeint ist, muss offen bleiben. Dagegen fällt die ornamentale Anmutung der Schrift auf, die von einer Blumenranke als Wasserzeichen gerahmt wird – vielleicht in Anspielung auf den »Blumenkranz« der Allemannischen Gedichte, die Hebel seinem Freunde Herbster und der Gemeinde Hausen weihte?
Fröhlicher Polymeter

Brief Hebels an Jean Paul
Zum Objekt (mit Transkription)Kein anderer Schriftsteller wird in Hebels Briefen so oft erwähnt wie Jean Paul. Hebel übernimmt manche Redewendung von ihm und imitiert seinen Stil; er schreibt Jean Paul’sche Polymeter. Er empfiehlt den Freundinnen seine Romane, ja er ist ihnen sogar bei der Beschaffung der Bücher behilflich. »Seine Schilderungen der Natur, des menschlichen Herzens, der menschlichen Freuden u. Leiden übertreffen alles ähnliche, nur die Natur selber nicht« (Z 63), und so muss jedes Dichtwerk sich an »J. Pauls Geist« (Z 138) messen lassen, nur um im Vergleich mit ihm stets zu verlieren. Umso größere Genugtuung bereitete Hebel die Besprechung der Allemannischen Gedichte, die Jean Paul im November 1803 in der Zeitung für die elegante Welt einrücken ließ und 1809 in Dr. Katzenbergers Badereise wiederveröffentlichte. Die Gedichte hätten »nicht höher geehrt u. der Verfasser nicht inniger erfreut werden« können, schreibt Hebel in dem hier abgebildeten Brief, mit dem er Jean Paul das Schatzkästlein übersandte. Bis ins hohe Alter bewahrte sich Hebel seine Dankbarkeit. Noch 1823 schrieb er von dem großen Wert, den »ein Blatt von Jean Paul, dem herrlichen«, für ihn besitze. Ein Blatt, »das nicht jeder gedruckt lesen kann. Von einem solchen Mann so gewürdigt zu seyn, ist eine große ehrenvolle Würdigung.« (Z 496) Offenbar hatte Jean Paul eine an Hebel adressierte Grußbotschaft einem Brief beigelegt, mit dem sein Bayreuther Landsmann Christian Kapp eines seiner Bücher nach Karlsruhe schickte.
Italienische Reise

Versehrter Brief an Christoph Friedrich Karl von Kölle
Zum Objekt (mit Transkription)Hebels Briefe sind nicht weit gereist. Sie haben, soweit wir das aus der erhaltenen Korrespondenz beurteilen können, den deutschen Sprachraum selten verlassen. Die große Mehrzahl der Briefe ging an Adressen im Oberland oder ins benachbarte Elsaß. Eine Ausnahme bildet der hier abgebildete, bislang unveröffentlichte Brief an Christoph Friedrich Karl von Kölle, den engen Freund und Adjunkten des rheinländischen Hausfreunds. Geschrieben am 2. März 1822, stammt er aus der Spätzeit Hebels. Kölle befand sich zu dieser Zeit als königlich Württembergischer Geschäftsträger am päpstlichen Hof in Rom. Wie Hebels Bemerkung zu Beginn des Briefes vermuten lässt, war die Verbindung durch Kölles Abreise im Jahr 1817 für längere Zeit abgebrochen: »Bald glaubte ich von Ihnen vergessen zu seyn, nicht ohne Schmerz« – bis ihm der aus Rom zurückkehrende Kirchenmusiker Konrad Kocher auch Nachricht vom Freunde brachte. Hebel bot sich daraufhin die Gelegenheit, dem Karlsruher Bildhauer und Zeichner Johann Christian Lotsch (1790-1873), der seinerseits mit staatlicher Pension nach Rom ging und dort Gehilfe Thorvaldsens wurde, einen Brief für Kölle mitzugeben. Zwar hat dieser Brief die weite Reise überstanden, nicht aber die Zeit. Es gibt keinen anderen Brief in Hebels Nachlass, der so zerstört wäre wie dieser. Der Tintenfraß, von dem fast jedes Wort befallen ist, macht das Entziffern des Textes nahezu unmöglich. Überdies hat Hebel ein besonders dünnes Papier verwendet, so dass die Schrift von der Rückseite des Blattes durchscheint und die in die entgegengesetzte Richtung sich neigende Schrift auf der Vorderseite durchkreuzt. Das Ausmaß der Versehrtheit zeigt sich an der beigefügten Umschrift, die wie in keinem andern Fall lückenhaft und unsicher bleiben muss.
Das Schreiben wird beschwerlich, das Leben wird beschwerlich

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Hebel an Haufe vom Februar 1815 (Z 392)
Zum Objekt (mit Transkription)»Sie sehen diesem Brief an liebe Freunde, warum ich die andern alle seit Jahresfrist nicht geschrieben habe«, so Hebel im Dezember 1815 an Haufes. »Das Schreiben fängt an, dem Rath Ruf u. mir gar beschwerlich zu werden. Er erklärt es seinerseits von einem intermittirenden Puls, das ist einfältig. Ich berufe mich auf rheumatische Schmerzen im Arm. Genug ich bedarf manchmal zu einer Seite eine Stunde, u. sollte oft in einem Tag 10. Seiten schreiben …« (Z 401). Vergleicht man das Manuskript dieses Briefs mit dem letzten Brief, den Hebel davor an Haufe geschickt hat, dann fallen die Unterschiede tatsächlich ins Auge: in dem späteren Brief setzt die Feder häufig aus, die Buchstaben werden eher angedeutet als ausgeführt, das ganze Schriftbild wirkt durchschossen. Man vergleiche etwa die zwei Ausführungen des Worts »Freund«, das in dem früheren Brief in der Anrede und in dem späteren am Ende der ersten Zeile vorkommt.
Der Brief, der Hebels letztes Lebensjahrzehnt einläutet, schlägt einen Ton an, der fortan häufig zu hören ist. Es mehren sich die Klagen über körperliche Gebrechen und die unverminderte Arbeitslast: »… [D]er rheinländische Hausfr. ist ein gar mürrischer Mensch und mit einem Bein voll Gicht mehr ein hinkender Bote geworden, sitzt den ganzen Tag zuhause bei den Akten oder in der Kneippe und ist von allen Musen verlassen« (Z 372). Die Altersmelancholie scheint Hebel einige Freuden der früheren Jahre verleidet zu haben. »Meine heilige Zeit, mein schöner großer Feyertag, wo ich näher als sonst, bey Gott und bey allem Guten bin, dauert von Ostern bis Pfingsten«, schreibt er 1807 an Gustave Fecht. »Da gehe ich gerne in die Kirche und erbaue mich, wenn auch die Predigt schlecht wäre, am Evangelium. Denn in dieser Jahreszeit, wo draußen alles blüht, haben wir auch die Blüthe der ganzen Kirche und Religion in den Sonntags Evangelien« (Z 203). Im Juni 1823 heißt es dann gegenüber der langjährigen Freundin: »Die Gegend um die Stadt wird zwar alle Jahre schöner. Aber ich mag nicht mehr hinaus. Ich weiß nicht ist es Trübsinn oder Beschäftigung des Geistes mit andern Gedanken, daß mir die Schönheit der Natur immer gleichgültiger wird. Ich freue mich derselben fast nur noch in der Erinnerung, wie froh sie mich einst machte« (Z 501).





