Kapitel 1Der Oberländer

Das Oberland zwischen Freiburg und Basel (1833)
Zum ObjektWenn es vom Rheinländischen Hausfreund im Jahrgang 1809 heißt, er gehe fleißig am Rheinstrom auf und ab, dann deckt sich das recht genau mit dem Raum, in dem sich auch Hebels Leben abspielte. Sieht man von seiner Studienzeit in Erlangen ab, gelangte Hebel auch da, wo er das zwischen Basel und Mannheim sich erstreckende Großherzogtum Baden verließ, nur in die nächste Nachbarschaft (Straßburg, Stuttgart, Schweiz). Das erste Kapitel stellt die wichtigsten Stationen in Hebels Leben vor.
Basel

Emanuel Büchel: Predigerkirche mit Totentanz. Im Bild das zweite Haus von rechts: Hebels Geburtshaus
Zum ObjektIch bin bekanntlich in Basel daheim, vor dem Sandehansemer Schwiebogen das zweite Haus. Selbiges Häuslein kauf ich alsdann um ein par Gulden – aber ich bin kein Burger! – also miethe ich es, und gehe alle Morgen, wie es alten Leuten geziemt in die Kirche, in die Betstunden u. schreibe fromme Büchlein, Traktätlein, u. Nachmittag nach Weil wie der alte Stickelberger im Schaf.
Brief an Gustave Fecht, 16. Januar 1825 (Z 550)
In dem Haus Totentanz 2, in der St. Johanns Vorstadt, nächst dem heute nicht mehr vorhandenen St.-Johanns-Schwibbogen, hatten Ursula Hebel, geb. Örtlin, und Johann Jakob Hebel ihre Dienstwohnung. Das Landhaus ihrer Dienstherren, des Patriziers Johann Jakob Iselin-Ryhiner und seiner Frau, befand sich auf der andern Seite des Tors. In Basel kam Hebel am 10. Mai 1760 zur Welt. Hier wurde er getauft. Hier verbrachte er, nach des Vaters frühem Tod, mit der Mutter die Sommermonate und besuchte die Gemeindeschule von St. Peter. Bis ins hohe Alter trug Hebel sich mit dem Gedanken, sein Leben in der geliebten Stadt zu beschließen, die er in seinem Gedicht „Erinnerung an Basel“ („Z’Basel an mim Rhi“) besang.
Hausen

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Zeichnung vom Hebel-Haus in Hausen
Zum ObjektEs ist für mich wahr und bleibt für mich wahr, der Himmel ist nirgends so blau, und die Luft nirgends so rein, und alles so lieblich und so heimlich als zwischen den Bergen von Hausen […]
Brief an Johann Jeremias Herbster, 14. Dezember 1800 (Z 54)
Ich bin von armen, aber frommen Eltern geboren, habe die Hälfte der Zeit in meiner Kindheit bald in einem einsamen Dorf, bald in den vornehmen Häusern einer berühmten Stadt zugebracht. Da habe ich frühe gelernt, arm seyn und reich seyn.
Antrittspredigt vor einer Landgemeinde
Aus Hausen im Wiesental, für Hebel Inbegriff »der goldnen Zeit der frohen Kindheit«, stammte Ursula Hebel. Das Dorf zählte zu dieser Zeit nicht mehr als 400 Einwohner. Das großväterliche Haus, von dem die Mutter eine kleine Wohnung im Obergeschoss erbte, diente als Winterquartier. Johann Jeremias Herbster, Bergwerks-Inspektor in Hausen, und »der ehrsamen Gemeinde« daselbst war die erste Auflage der Allemannischen Gedichte »geweiht«. In dem nur handschriftlich überlieferten Widmungsgedicht heißt es, die »besten Blümlein« zu dem »leichten Straus« seien »von unsrer Flur« – ein Florilegium, »gepflükt« in den Wäldern und auf den Wiesen um Hausen.
Schopfheim

Der innere Marktgraben mit der alten Lateinschule in Schopfheim
Zum Objekt[…] daß ich manches Pfündlein Fleisch in der Metzg holte, manches Stücklein Kutteln von dem alten Heiri aus der Faust zu essen bekam, daß der Hans Joppeli selig, der in den 60r Jahren an den Menschenpocken starb, mein Liebling war, und der Grasgarten am Teich unter der Metzg manche Kettenblumen oder Leontodon Taraxacum Linnei für mich trug, mehrerer anderer magnetischer Anziehungspunkte nicht zu gedenken, z. B. daß wir Gränznachbarn waren, indem ich das Recht hatte, bis an des Metzger Heinrichs Territorium die Deischen zu schoren, ferner, daß der Husar über der Hausthüre mir den ersten heroischen Muth zum Reiten einflößte, und des Schmiedhansen Hammer in der Nähe mich manchen Abend in den Schlaf hämmerte und manchen Morgen in die lateinische Schule nach Schopfen weckte.
An Sebastian Engler, 2. Januar 1805 (Z 126)
Neben der Hausener Dorfschule besuchte Hebel die 1770 gegründete Lateinschule in Schopfheim. Karl Friedrich Obermüller, Diakon in Schopfheim und Pfarrer in Hausen, hatte das Talent des Jungen bemerkt und veranlasst, dass er Latein und Griechisch lernte. Ab dem Frühjahr 1773 wohnte Hebel für ein Jahr im Hause seines Förderers, um die Schule abzuschließen. Im März 1800 trat Sebastian Engler die Ämter an, die vormals Obermüller innehatte. Der »Angeliko« war der erste der Oberländer Freunde, dem Hebel im Mai desselben Jahres den »Statthalter von Schopfheim« schickte.
Röttler Schloss

Ansicht des Schlosses Rötteln von der Nordseite mit der Aussicht nach Lörrach
Zum ObjektFast allmol, Ätti, wenn mer ’s Röttler Schloß
so vor den Auge stoht, se denki dra,
öbs üsem Hus echt au e mol so goht.
Stohts denn nit dört, so schuderig, wie der Tod
im Basler Todtetanz? Es gruset mer,
wie länger aßi ’s bschau. Und üser Hus,
es sizt io wie ne Chilchli uffem Berg,
und d’ Fenster glitzeren, es isch e Staat.
Schwetz Ätti, gohts em echterst au no so?
I mein emol, es chönn schier gar nit sy.Die Vergänglichkeit, Allemannische Gedichte
Im Herbst 1773 erreichte Hebel in Schopfheim die Nachricht von der Erkrankung seiner Mutter. Um sie nach Hausen zu bringen, fuhr Vogt Maurer mit dem Jungen auf einem Ochsengespann nach Basel. Ursula Hebel starb noch auf dem Rückweg zwischen Steinen und Brombach, unterhalb des Rötteler Schlosses. Wie tief sich dem Dreizehnjährigen das Erlebnis eingeprägt hatte, zeigt sich in den Allemannischen Gedichten. Gleich im ersten Gedicht »Die Wiese« bildet die Ruine einen düsteren Kontrapunkt zu dem munter talwärts hüpfenden Bach. In der »Vergänglichkeit« löst der Anblick des Schlosses ein Gespräch aus, das in eine Vision vom Weltende mündet. Für die erste Auflage der Gedichte erwog Hebel, ein Bild des Schlosses in eines der Ovale zu setzen, die den Umschlag zieren sollten: »ich habe eine Zeichnung von Probst, wiewohl von der Bergseite, und überdiß einen Kupferstich über seine Ansicht noch vor der Zerstörung, und zwischen beiden thut mir nur die Wahl weh« (Z 72). Und auch vor der Drucklegung der dritten Auflage schreibt Hebel nach Straßburg, der Kupferstecher Benjamin Zix solle ihm eine Abbildung des Schlosses heraufschicken (Z 150).
Erlangen

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Eintrag des Erlanger Kommilitonen Rheinwald in Hebels Stammbuch
Zum Objekt (mit Transkription)Als Student war er Amicist, schlug sich zu Erlangen und hatte den verstorbenen K[öniglich] bair[ischen] G[eheimen] R[ath] von Reinwald zum Sekundanten. Er verbarg sein Herzklopfen so gut er konnte und kam mit einer leichten Wunde im Arm davon. Er wiederholte nach mehreren Jahren Reinwalds pathetische Anrede auf unnachahmliche Weise.
— Christoph Friedrich Karl von Kölle · Stuttgarter Morgenblatt, 14. März 1827
Im Mai 1778 nahm Hebel an der Universität Erlangen ein zwei Jahre währendes Studium der Theologie auf. Er trat dort, wie die meisten seiner Landsleute, erst den »Mosellanern« bei, später auch dem »Elsässer- oder Amicisten-Orden«, der einen engeren Kreis innerhalb der Landsmannschaft bildete. Hier lernte Hebel das Logenwesen kennen, das er später im proteusischen Geheimbund nachbildete. Die Duelle, um die auch Hebel nicht herumkam, liefen nicht immer so glimpflich ab, wie Kölle es beschreibt. Der Streit, in den sein »Freund Walch« verwickelt war, endete tödlich. Den Eintrag in Hebels Stammbuch muss Walch, wenn man seinen Worten Glauben schenken kann, kurz vor seiner Flucht aus Erlangen geschrieben haben.
Lörrach

Basler Straße mit Hebelgymnasium, Stadtkirche und Pfarrhaus (v. l. n. r.)
Zum ObjektBald sind es sieben Jahre, daß ich als Präceptorats Vikarius an dem Pädagogium zu Lörrach in Euer Hochfürstlichen Durchlaucht Diensten stehe, und dem Unterricht der Jugend meine Zeit und Kräften widme. Ich wage daher die unterthänigste Bitte, im Fall daß mit dem Prorektorat an diesem Pädagogium eine Veränderung vorgehen sollte, daß Euer Hochfürstlichen Durchlaucht die Stelle eines Prorektors mir in Gnaden zuzuwenden geruhen mögen, da ich zu höchsten Hulden mich unterthänigst empfehle, und in tiefster Ehrfurcht verharre Euer Hochfürstlichen Durchlaucht unterthänigster J. P. Hebel.
An den Markgrafen Karl Friedrich, 6. Dezember 1789 (Z 3)
Nach dreijähriger Tätigkeit als Hauslehrer in Hertingen erhielt Hebel 1783 eine Anstellung als Präzeptoriatsvikar am Pädagogium in Lörrach. In die acht Lörracher Jahre fielen die Bekannt- und Freundschaften mit Tobias Günttert, dem Prorektor der Schule, Friedrich Wilhelm Hitzig und August Welper, mit denen er den esoterischen Bund der Proteuser ins Leben rief. Er entwickelte eine Neigung zu Gustave Fecht und setzte seine in Hertingen begonnenen Studien fort. Es war aber auch eine Zeit der beruflichen Stagnation. Zu dem Zeitpunkt, als Hebel sich an den Markgrafen wandte, musste ihm das Bedrückende seiner Verhältnisse fühlbar geworden sein. Mit seinem geringen Hilfslehrerlohn war kein Staat zu machen und keine Braut zu freien. Auch die Abhängigkeit von den Vorgesetzten lastete immer schwerer. Doch blieb Hebels Ansuchen ohne Erfolg. Dafür berief man ihn ein Jahr später als Subdiakonus ans Karlsruher Gymnasium. Im November 1791 verließ Hebel Lörrach und das Oberland.
Karlsruhe

Der Karlsruher Marktplatz Mitte des 19. Jahrhunderts
Zum ObjektSchwer beladen mit 4. Säcken voll Erz u. Steinkohlen, und Kieseln kam ich wieder heim, u. fühle iezt von neuem und erst recht, was für einen Fluch mir der Himmel auflegte, daß er mich nach Karlsruh sendete. Ach es war so lieblich und so heimlich und so ruhig in den verborgenen Thälern und so frey und hehr auf den Anhöhen, wo ich herum kletterte, und alles dem Oberland so ähnlich. Jezt lauf ich wieder in dem Geräusch der Stadt umher allenthalben umgeben von Häusern und Mauern, die doch noch den Vortheil haben, daß sie meinem Auge, die unfreundliche langweilige Sandfläche, das leere todte Wesen der ganzen Gegend verbergen.
An Gustave Fecht, ca. 1793 (Z 14)
Die trübe Stimmung der ersten Karlsruher Jahre hielt nicht an. Zwar blieb die Sehnsucht nach dem Oberlande, aber Hebel arrangierte sich mit der Stadt. Wenn es auch nicht das Röttler Schloss sei, das er von seinem Fenster aus sehe, so »doch, seitdem das Beuerther Wäldlein ausgehauen ist, das Ebersteinburger«, schrieb er 1803 an Engler in versöhnlichem Ton (Z 91). Und als 1805 in Freiburg die neu errichtete lutherische Pfarrei zu besetzen war, ließ er die Gelegenheit zum Orts- und Amtswechsel verstreichen. Die Residenz hatte ihre Vorteile. Hebel machte dort eine bemerkenswerte Karriere. Als gefeierter Dichter und Schriftsteller verkehrte er in gelehrten und künstlerischen Zirkeln; als hochrangiger Geistlicher wiederum hatte er Zugang zum Hof. Nicht die Stadt war es, die Anlass zu Klagen gab, sondern die stetig sich mehrenden Pflichten: die Lehrverpflichtung, die Direktion des Lyceums, die Redaktion des Kalenders, die Prälatur der evangelischen Landeskirche. Nach 1812 kam Hebel nicht mehr ins Oberland.
Schweizer Reise

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Titelblatt von Ebels Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen
Zum ObjektÜberaus interessant ist die Lage des Gasthofs ›Zum Schwerdte‹. Es steht an der Limmath an der breiten Brücke, die zugleich zum Marktplatze dient. Beim Erwachen erblicken wir vor uns hinaus einen großen Theil des Sees und seiner reitzenden Ufer in der Verklärung des Morgenlichtes. Bald treten im Hintergrunde die hohen Schneeberge in einer Entfernung von 15 bis 20 Stunden aus den östlichen Nebeln hervor. Unter den Fenstern, über der kristallhellen Limmath sammelte sich mit immer lauterm Geräusch der Wochenmarkt, eine Musterkarte der mannigfaltigen Schweitzertrachten.
Hebels Reisejournal der Schweizerreise, 29. August 1805
Im Sommer 1805 begleitete Hebel die beiden jugendlichen Söhne des Freiherrn von Mentzingen als Mentor auf ihrer Kavalierstour in die Schweiz. Die Reise führte über Zürich, Luzern, Interlaken, Bern und Basel. Ein von Hebel angelegtes Reisetagebuch, das sich noch heute im Familienarchiv der Freiherren von Mentzingen befindet, gibt nicht nur Aufschluss über die verschiedenen Stationen, Begegnungen und Begebenheiten auf der Fahrt, sondern auch über Hebels Interessen und die Eigenart seiner Wahrnehmung.
Straßburg

Ansicht des Fischmarkts in Straßburg
Zum ObjektO, der seligen Tage, wo ich bey euch und unsern Freunden fühlte, wie sich die übrige Welt von mir abscheelte, wo der ganze Aequator mir vom Calenderthurn bis zum Judenthor gieng, wo meine Wendekreise N. 115. auf dem Fischmarkt u. Nro 5 hinter den Mauren, die Rupprechtsau mein Amerika ienseits des Wassers war, von Mittelhausbergen nichts zu sagen, wo wir auch nie waren, aber in Gravenstaden und Itenheim. Gleichsam als in 2. fremden Planeten. Aber im Sommer kann ich doch warhaftig nirgends hingehn, als ins Oberland über Straßburg, oder nach Straßburg.
An Sophie und Gottfried Haufe, 24. März 1812
Straßburg tritt in Hebels Gesichtskreis, nachdem Gottfried Haufe, sein ehemaliger Schüler am Lörracher Pädagogium, sich dort niedergelassen und ein Goldschmiedegeschäft gegründet hatte. 1805 ehelichte Haufe die mit Hebel ebenfalls bekannte Sophie Bögner. Die Taufe ihres ersten Kindes Karoline gab den Anlass für den ersten von Hebels Besuchen, die sich fortan in regelmäßigen Abständen wiederholten. Aus Straßburg kamen Vertonungen und die Kupferstiche für die Allemannischen Gedichte, später auch Holzschnitte für die Kalendergeschichten. Schmuck- und Halbedelsteine werden ebenso hin- und hergeschickt wie »Polymeter« in Jean Paul’scher Manier. In kurzer Zeit wurde das Haus der Haufes am Alten Fischmarkt Nr. 116, Treffpunkt der Straßburger Künstler, Gelehrten, Pfarrer und Kaufleute, und »Klein-Straßburg« mit den dort ansässigen Freunden Müntz, Schneegans und Weiler für Hebel zur zweiten Heimat.





