
Kapitel 6: Der Junggeselle
Sophie Haufe
Alabasterrelief von Sophie Haufe von Landolin Ohmacht, der auch Hebel in dieser Weise porträtierte.
Zum ObjektHebel der Nestor

Sophie Haufes Memoiren, die sie in hohem Alter schrieb, verdanken wir einen einzigartien Blick auf ihren Freund und Mentor Hebel.
Zum ObjektIn seiner Lörracher Zeit hatte Hebel am Pädagogium einen Schüler, dem er Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden blieb: den späteren Straßburger Juwelier und Goldschmied Gottfried Haufe. Als Haufe nach seiner Ausbildung bei dem Basler Maler und Kupferstecher Johann Jakob von Mechel zu Besuch bei Hebel in Karlsruhe war, schickte dieser ihn mit einem Empfehlungsschreiben zur Witwe des früheren Hertinger Pfarrers Bögner, die mit ihren zwei Töchtern Rike und Sophie in Durlach wohnte. Die gemeinsame Herkunft aus dem Badener Oberland stiftete eine unmittelbare Sympathie und so, wie Sophie Haufe es in ihren Memoiren ausdrückt, »wurde ein Plan gemacht, die Schicksale für immer zu verketten, wobei meine kleine Person das Bindemittel sein sollte«. Zu der Zeit war sie »kaum … zehn Jahre alt« (ZHE, 21). Gottfried Haufe war 21. Er ging einige Jahre später nach Straßburg und trug, in Sophies Worten, »seinem väterlichen Freunde Hebel auf, über meine Innenbildung einige Sorge zu tragen«, denn inzwischen war auch ihre Mutter gestorben. Tatsächlich ging es um etwas mehr: Hebel sollte für die noch nicht volljährige Sophie eine »Pflegschaft« (d. h. Vormundschaft) übernehmen. Hebel lehnte dies unter Berufung auf seine Inkompetenz in geschäftlichen und finanziellen Dingen ab. Die Sorge um Sophies »Innenbildung« nahm er dagegen ernst. »Sie dürfen … herzhaft ihr Weiblein in meinem Namen umarmen«, schreibt er dem frisch verheirateten Haufe im Mai 1805. »Aber ja fein bescheiden und anständig und die Rolle nicht vergessen. Sie agieren mich« (Z 140). Es war die Rolle eines väterlichen Freunds und Mentors, die Hebel für die 26 Jahre jüngere Sophie wahrnahm. So erkundigt sie sich etwa 1808 brieflich bei ihm, ob die Trauer um einen Verstorbenen tatsächlich eine Form von Egoismus sei, da man dabei ja nur seinen eigenen Schmerz beweine, wie ihr Ehemann behauptet hatte. Getreu seiner Rolle als lebenskluger Nestor relativiert Hebel eher die Bedeutung der Frage, als in ihr Stellung zu beziehen und legt Sophie im Übrigen eine philosophische Gelassenheit ans Herz: »Ein großer Theil unseres Lebens ist ein angenehmer oder unangenehmer Irrgang durch Worte und die meisten unserer Kriege … sind WortKriege« (Z 241).
Der Graf von Assmannshausen und sein Minister

Vorbild für den Wild- und Rheinkönig zu Assmanshausen und Kaub: Jakob I., Kaiser von Haiti.
Zum ObjektHebels Vorliebe für das Rollenspiel äußert sich in seiner Beziehung zu den Eheleuten Haufes in der von ihm selbst so genannten »Assmannshausische[n] Ministercomödie« (Z 160). Unauffällig genug beginnt es mit einem vereinzelten und nicht weiter kommentierten Majestätsplural in einem Brief vom März 1805: »Zur neuen willkommenen Bürgerinn der Welt und des französischen Kayserthums wollen wir denn vor allen Dingen und auf alle Fälle uns als Pathe freudig bekennen« (Z 132), schreibt Hebel, als er die Patenschaft für Sophies erste Tochter übernimmt. Wenig später ernennt Hebel Sophie zu seinem »Minister in auswärtigen Angelegenheiten und Intendanten im Fach der schönen Künste und Wissenschaften«. Und da »Sie einen höheren Rang und Posten verdienen«, wie er ihr im August 1805 schreibt, »als der Minister bey einem blosen schlechten Edelmann zu sein, habe ich beschlossen, nach dem Vorgang u. Beyspiel Jakobs des Isten, Kaysers von Haity Liebden, mich nach und nach in einen höhern Rang zu versetzen, und einsweilen den Titel Peter der Iste Grav von Assmanshausen u. Kaub, des hohen Ordens vom heiligen Proteus Heermeister, anzunehmen« (Z 150).
Inspiration hierfür lieferte der kuriose Fall des ehemaligen Sklaven Jean-Jacques Dessalines, der 1804 die Unabhängigkeit Haitis von der Kolonialmacht Frankreich ausrief und sich als Jakob I. zum Kaiser von Haiti erklärte.
Wohl als Parodie auf Friedrich von Württemberg, der mittlerweile König ist, rückt auch Hebel alias der Graf von Assmannshausen Anfang 1806 auf. Er beschließt, »den Titel eines Wild u Rheinkönigs zu A. u. C. anzunehmen« und im Zuge dessen Sophie »zu einem Wild u. Rheinminister, u. Intendanten der schönen Wild u. Rheinkünste zu erheben« (Z 160).
Das scherzhafte Machtgefälle zwischen Regent und Minister spiegelt dabei durchaus die Realität der Verhältnisse zwischen Hebel und Sophie Haufe: Er lässt seine Ministerin allerlei Dinge für ihn erledigen oder an ihren Mann delegieren, die ihm tatsächlich wichtig sind. So soll Haufe bspw. für Hebel mit dem Straßburger Kupferstecher Benjamin Zix unterhandeln, der Bildbeigaben für die Allemannischen Gedichte fertigen soll. In dem Zusammenhang kommt die Idee auf, »einen ganzen weiblichen Anzug aus d. Oberland nach Straßburg zu schicken, und mein Minister könnte ihn anziehen u. dem Künstler zum Original stehn«.
Hebel fordert im Gewand der Ministerkomödie also sehr reale Freundschaftsdienste ein – »und das ist kein Spaß«, wie er am Ende seines launigen Schreibens vom August 1805 klarstellt (Z 150).
Die Straßburger Flegeljahre

Ein verbindendes Element in Hebels Freundschaft mit Sophie Haufe: die geteilte Bewunderung für Jean Paul.
Zum Objekt»Nun kam auch Herr Professor Hebel einmal und fragte mich nach meiner Lektüre; beschämt gestand ich ihm Rittergeschichten von Spieß und Romane von Lafontaine, auch hie und da eine erhabene Räubergeschichte. Er schien nicht verwundert, denn alles las diese Bücher, da wenig anderes in den Leihbibliotheken zu finden war. Er riet mir, den Jean Paul zu lesen, was ich dann auch tat; doch verstand ich vieles nicht; aber das andere, was ich verstand, gefiel mir.« (ZHE 26)
Dieser Ratschlag wurde wohl halb aus didaktischen Gründen erteilt, halb aus Hebels eigener Begeisterung für diesen Schriftsteller, der sowohl eine fordernde als auch die Mühen belohnende Lektüre versprach: »Seine Schriften sind wie Ananas, auswendig lauter Distel und Dorn, bis man in das süße innere Leben hineingedrungen ist« (Z 202), wie Hebel an Gustave Fecht schreibt, der er Jean Paul ebenfalls ans Herz legte. Im Fall Sophies trug man sich sogar mit dem Plan, in Ko-Autorschaft einen Roman nach dem Vorbild des HoppelPoppel aus den Flegeljahren in Angriff zu nehmen: »Als Mine noch ledig und bei uns in Straßburg war und Hebel diese bei seinen Besuchen bei uns kennenlernte, ihre Begeisterung für alles Schöne und Gute, ihre Fertigkeit und Aufopferungsfähigkeit, wollte er mich dazu bewegen, mit ihm einen Roman zu schreiben in Briefen, wobei ich die sentimentalen, er die launigen Passagen besorgen sollte und Mine die Heldin sein.« (ZHE 70)
Bei der designierten Heldin des Romans handelt es sich um Mine Mauritii, eine verwaiste Cousine Sophies. Womöglich verhalf ihr auch die Namensähnlichkeit zum Fräulein Wina aus den Flegeljahren zu dieser Ehre. Der Plan wurde indes nie verwirklicht: »Hebel hatte aber seinem Roman schon einen Namen gegeben; ›HippelTippel‹ sollte er heißen. Dies wäre mir auch zu bunt gewesen und meinen romantischen Ideen nicht angemessen, und so unterblieb dieses Projekt Hebels, obgleich er mich öfter aufforderte.« (ZHE 70)