
Kapitel 6: Der Junggeselle
Henriette Hendel
Henriette Hendel als Agrippina – „zerbrechlicher als die Urne, die sie trägt“
Zum ObjektIst’s möglich, ist das Weib so schön?

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Lady Hamilton als »Nymphe die in ihrer Ruhe aufgeschreckt wird«.
Zum ObjektSchier vergessen sind sie heute, die um 1800 prominenten ›Attituden‹, die Nachahmungen von antiken Statuen durch den lebendigen weiblichen Körper. Man(n) wurde ergriffen durch die erotische Strahlkraft solcher pygmalionesker ›Werke‹: Eine lange, weiße‚ faltenreiche, unter der Brust zusammengebundene Tunika brachte, zusammen mit einem langen Schal, die wohlgebaute Figur der Miminnen zur Geltung. Weich schmiegten sich die fließenden, mäßig blickdichten Stoffe deren Leib an, den sie nur leicht verhüllten.
Zur eigenständigen Kunstform wurde die ›Attitude‹ Ende des 18. Jahrhunderts durch die berückend reizvolle Lady Hamilton: Die in der internationalen Gerüchteküche schmorende Gattin des greisen britischen Botschafters in Neapel, die Freundin der dortigen Königin, die Geliebte des halbblinden, armamputierten Admirals Nelson begeisterte in ihren Privatvorstellungen so manchen. Goethe etwa – während Kirchenrat Herder sich seiner Frau gegenüber brieflich von den »bacchantischen Attitüden« dieser »Hure« distanzierte. So kleinlich gab sich sein großherzoglich badischer Kollege Hebel nicht, als er (freilich unverheiratet) durch Henriette Hendel mit Attituden à la Hamilton bekannt wurde.
Ein heimlicher Heiratsantrag?

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»Das wohlgetroffene Portrait der Künstlerin«.
Zum ObjektGeschult an Rehbergs Zeichnungen der Lady Hamilton trat sie Ende 1808 in Frankfurt erstmals öffentlich mit eigenen Attituden auf: »Henriette Hendel […] eine schöne, kraftvolle Frau, jugendlichen Ansehens und von üppiger Form«. So beginnt im Morgenblatt für gebildete Stände die Rezension jener Auftritte, »welche jedem Gebildeten unvergeßlich seyn werden« (Nr. 30, 4. Februar 1809). Unvergesslich waren sie wohl auch für Hebel, der zu »einer kleinen Zahl von Erwählten« gehörte, vor denen »Mad. Händel« bereits kurz zuvor in Karlsruhe »Pantomime[n], Attitüden u. Gruppirungen« gegeben hatte (an Sophie Haufe, Mitte November 1808). Zudem fühlte er sich »für die allem. Gedichte […] noch nie so geehrt […], als durch die feine Attention u. Auszeichnung mit der mich diese Frau während ihres Hierseyns behandelt hat« (ebd.). Natürlich war Hebel in sie »nicht vernarrt, sondern nur entzückt« (ebd.), und darum machte er der zweifach geschiedenen sowie einmal verwitweten Schauspielerin mit seinem Stammbucheintrag auch (k)einen Heiratsantrag: Seine Verse alemannisieren ein Lied, das Henriette Hendel einige Tage vorher auf dem Karlsruher Theater gesungen hatte, als »Margrethe in den Hagestolzen« (ebd.), gerichtet an die Figur des Hofrats Reinhold. Der ist, wie der Kirchenrat Hebel, ein unverheirateter Endvierziger, und er ist in das naive Landmädchen verliebt – wie sein Karlsruher Pendant in deren gewandte Darstellerin? In Ifflands Lustspiel kriegen sich die beiden, ganz gattungskonform – und übers Jahr erhielt auch der alemannische Dichter vom »Margrethli« eine überraschende Antwort auf seine leisen Avancen.
Ein öffentliches Liebesgeständnis.


Links: Blick auf die Bühne des 1808 eröffneten Karlsruher Theaterhauses am Schlossplatz.
Zum ObjektRechts: Blick in den Zuschauerraum des 1808 eröffneten Karlsruher Theaterhauses am Schlossplatz.
Zum ObjektDie hintergründig-schüchternen Stammbuchverse blieben zunächst verborgen – während Henriette Hendel sich Hebel auf offener Bühne erklärte. Im Oktober 1809 war sie erneut im prachtvollen neuen Karlsruher Theater zu erleben, und eines Abends »deklamirte« sie dort aus den Allemannischen Gedichten »Hans u. Verene zweimal hinter einander mit ungemeinem Beifall. Das war gut.« Aber es kam noch besser, nämlich nach dem Muster besagter Verene, die angesichts ihres zurückhaltenden Liebhabers die Initiative ergreift:
Als nach dem Zeddel iezt eine Scene aus Makbeth folgen sollte, lächelte sie mich (ich saß in den vordersten Reihen[)] schalkhaft an, als die eine Spitzbüberei im Sinn hat, und fieng mir selbst überraschend den verliebten Hauensteiner an [frühe Version des Schwarzwälders im Breisgau]: „z’ Fryburg in der Stadt sufer ischs u. glatt.“ […] Aber als sie sagen sollte:
Minen Auge gfallt – –
– – – – – –
’s isch e Sie, es isch kei Er. Dreht sie sich nach mir, lächelt nach mir, sagt ’s isch kei Sie, es isch en Erund deutet auf mich. Was sagen Sie? Eine Schauspielerin u. ein Kirchenrath in Gegenwart des Großherzogs, des Hofes, des Fürsten v. Thurn u. Taxis […] vieler Fremden, u. 600 andern. […] Vor langem lauten Beyfall konnte sie die Schlußzeile gar nicht mehr anbringen, u. dankte für ihn, nicht stumm, sondern laut, u. sezte hinzu, sie habe dieses Glück […] ihrem Freund Hebel zu verdanken, dessen Gegenwart sie begeistere. Nach dem Schluß dankte ich ihr im Garderobezimmer mit einer Umarmung.
Brief an Sophie Haufe, Ende Oktober 1809 (Z 271)
Dieser Auftritt brachte den Dichter und Theologen Hebel gehörig aus der Fassung – und mit ihm auch den Verliebten Hauensteiner.
Da geht die Post ab.

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Der Verliebte Hauensteiner im Allgemeinen Intelligenz- oder Wochenblatt für das Land Breisgau und die Ortenau (1807).
Zum ObjektSie war der Beginn einer wunderbaren Brieffreundschaft, Henriette Hendels Herzensergießung mit Hilfe des Verliebten Hauensteiners – sie hatte ja auch etwas eminent Postalisches. Die dritte Gedichtstrophe beginnt mit »Z’Müllen an der Post | tausig Sapermost«, und in der ›Post‹, im Hotel ›Zum Erbprinzen‹, logierte Henriette Hendel während ihres Karlsruher Aufenthalts. Da ist es nur folgerichtig, dass Hebel, »[s]eit Sie uns verlassen haben, […] alle […] Gänge nach der Post. T[ausig].S[aper].M[ost].« richtet, um dort dann Anfang »Nov. [180]9.« sein erstes Schreiben an die »Liebe, verehrte Freundinn!« aufzugeben. Auf dem Briefpapier hat der aufwühlende Theaterabend Zukunft, dort setzt der ortsgebundene Kirchenrat unter der Chiffre ›Post (Tausig-)Sappermost‹ den Flirt mit der volatilen Schauspielerin fort (Briefe vom 30. Oktober 1813, Z 375; 27. November 1816, Z 409; 28. April 1822. Z 475). Und als nachmals Der Verliebte Hauensteiner unter dem Titel Der Schwarzwälder im Breisgau Aufnahme in die fünfte Auflage der Allemannischen Gedichte von 1820 findet, beginnt er nun mit der » […] Post, | Tausigsappermost!«-Strophe, ein diskreter Nachhall des Oktobers 1809, den womöglich nur Henriette Hendel vernehmen konnte – und Friedrich Karl Schütz, der nunmehrige Gatte von Hebels »„ehemalige[m] Schatz“« (Brief an beide vom 3. Oktober 1818, Z 429). Mit ihm hatte der Dichter zunächst so gar nicht gerechnet.
Ein Geistlicher von Fleisch und Bein.


Links: Dank für die angetragene Patenschaft der Tochter von Henriette Hendel und Friedrich Karl Schütz.
Zum ObjektRechts: Klage über Heirat und Elternschaft von Henriette Hendel und Friedrich Karl Schütz. Brief an die Familie Haufe.
Zum Objekt»Sie freieten (nur ich nicht) und ließen sich freien«, dieses Herrenwort (Mt 24,38) mit resignativem persönlichem Einschub findet sich im Brief an Henriette Hendel vom Oktober 1813; da hat Hebel sich mit seinem Junggesellentum und »Ihre[m] Herrn Gemahl« wohl abgefunden (Z 375). Anfangs gab es indes bibel- und handfeste Anfechtungen – und vielleicht die ganz leise Hoffnung auf mehr als eine Korrespondenz, besorgt durch die ›Post (Tausig-)Sappermost‹.
Im Januar 1810 schrieb Hebel der Schauspielerin (Z 282), die eine Italienreise plante: »Ich darf Sie begleiten […] bis an die Gräntzen meines […] Dichterreichs. Ich führe Sie nach Freyburg in die Stadt, nach Müllheim an die Post und wie der Teufel den Heiland auf einen (nicht) hohen Berg, zeige Ihnen alle Kirchthürme des Wiesenthals und seine Herrlichkeit, und falle nieder, ich vor Ihnen, und bete Sie an.« Ein merkwürdiges Amalgam von Evangelium (Mt 4,8f.) und Verliebtem Hauensteiner, ein gewagtes Überkreuz von erlösend-teuflischer ›Sie‹ und teuflisch-erlösendem ›Er‹. Daraus wurde nichts. Stattdessen wurde Henriette Hendel wenig später schwanger und ehelichte Friedrich Karl Schütz, der Hebel diese Verbindung im November anzeigte und ihn kurz darauf für die neugeborene Tochter zu Gevatter bat. Hebel gratulierte höflich zur Vermählung (Z 303), und artig – aber spät, erst im Januar 1811 – bedankte sich der Pate für »das Kindlein, das mir Vater u. Mutter auf Freundesarme gelegt haben«. Und noch später – im April 1811 an die Familie Haufe – zeigen jeanpauleske Windungen und Wendungen, wie tief ihn dieser Lauf der Dinge psychophysisch getroffen hat:
Die durch ihre Rosenwangen
durch der Lippe Red u. Kuß
durch ihr zärtliches Umfangen
fest mein armes Herz gefangen
daß es ewig zappeln muß
daß es brennt, wie Doktor Huß
beut nun ihre holden Wangen
einem anderen zum Kuß.
hat das Sakrament empfangen,
das zum heimlichsten Genuß
iede Liebe weihen muß
und hat schon ein Kind empfangen.Sie hat nemlich, […] die gebenedeite Tochter Kronions Mad. Hendel, zerrißen hat sie den Bendel, und sich in den Stand der 4ten heiligen Ehe begeben mit HE. Professor Schütz in Halle.
Und da soll man […] nicht […] einen thränenreichen Hopelpoppel schreiben, oder ein durchlöchertes Herz!Brief an die Familie Haufe [April 1811] (Z 314)





