Kapitel 3Der Hausfreund

Holzschnitt zum »Unverhofften Wiedersehen«
Zum ObjektDass Hebel als Autor nicht in Vergessenheit geriet, verdankt er vor allem den Kalendergeschichten, die er ab 1803 für den Badischen Landkalender und ab 1808 für den Rheinländischen Hausfreund schrieb. Die Liste ihrer Bewunderer ist lang und glanzvoll. Sie reicht von Bertolt Brecht und Walter Benjamin über Elias Canetti und Franz Kafka bis hin zu W. G. Sebald und, in neueren Tagen, Ulrike Draesner. Hebels Karriere als Kalenderschreiber endete abrupt, als er sich 1815 nach einer Intervention der Zensur entschloss, das Amt niederzulegen.
Badische Kalenderkrise

Das weltweit einzige bekannte Exemplar des Badenschen Landkalenders 1803, das den korrekten Text bietet
Zum ObjektSeit 1750 besaß das Karlsruher Gymnasium das Verlagsprivileg des Landkalenders. Das Privileg untersagte nicht nur den Handel mit auswärtigen Kalendern, sondern verpflichtete die Bürger der Markgrafschaft zur Abnahme des Karlsruher Kalenders. 1801 war dessen Qualität jedoch soweit herabgesunken, dass die Bürger von Blankenloch, südlich von Karlsruhe, gegen den Abnahmezwang aufbegehrten. Die Beschwerden drangen bis zum Markgrafen. Zu der Kalenderdeputation, die sich in der Folge neu konstituierte, um den Kalender zu reformieren, gehörte auch Hebel. Gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Gymnasialprofessor Karl Wilhelm Böckmann, wurde Hebel damit betraut, »den Landkalender zu befrachten« (Z 70), d.h. mit Lesestoff zu versehen. Hebels erste Beiträge erschienen im Badenschen Landkalender auf das Jahr 1803. Von diesem Jahrgang war lange Zeit nur ein einziges, im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrtes Exemplar bekannt. Das Hebel-Archiv in Heidelberg konnte durch den Erwerb eines zweiten Exemplars nachweisen, dass es sich bei dem GLA-Kalender um einen unkorrigierten Probedruck handelt. Nur das Heidelberger Exemplar bringt den autorisierten Text, wie er später auch ins Schatzkästlein Eingang fand.
Des Hausfreunds Zuträger

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Johann Jacob Hebels Rechenbuch (1743) mit einem Eintrag Johann Peter Hebels auf der rechten Seite
Zum Objekt (mit Transkription)Der rheinländische Hausfreund ist kein Dichter. Er erfindet nicht. Vielmehr liest er sein Material auf, indem er »fleißig am Rheinstrom auf und ab« (K1809) geht oder in den Wirtshäusern den Gesprächen lauscht. Wenn er nicht von Dingen erzählt, die er selbst beobachtet oder erlebt hat, legt er seine Quellen offen. Diese Wirklichkeitsfiktion findet darin ihren Rückhalt, dass kaum eine Kalendergeschichte von Hebel selber stammt. Das schöpferische Moment hat sich nahezu völlig in die Sprache zurückgezogen: »Ich habe mich vom ersten Augenblick an nicht begnügt den Calender blos zu redigiren, und in Parallele mit andern großentheils durch kahle Auszüge aus Zeitungen, Anekdotenbüchern und wässerigen Volksschriften anzufüllen. Ich habe noch ieden Articel selber bearbeitet […]« (Z 277). Zu den ersten Quellen, aus denen Hebel Stoff für seine Beiträge bezog, gehörte das Rechenbuch seines Vaters. Im Vade Mecum für lustige Leute fand er ebenfalls viel Anregung. Aber auch von seinen Freunden wurde er mit Stoff versorgt: Gustave Fecht schickte ihm Rechenexempel; Kölle, der Adjunkt des Hausfreundes, und Henriette Hendel, die Schwiegermutter des Adjunkten, lieferten Anekdoten.
Die Doppelgänger des Hausfreundes

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Unkorrigierter Probedruck des Rheinländischen Hausfreundes auf das Jahr 1814
Zum ObjektKalender waren Ge- und Verbrauchsgegenstände. Ihr Nutzwert war befristet, ihr Dasein auf Kurzlebigkeit berechnet. Auch von einem so auflagenstarken Kalender wie dem Rheinländischen Hausfreund überlebten nur wenige Exemplare. Umso auffälliger ist es, dass selbst die wenigen erhaltenen Exemplare vielfach voneinander abweichen. Dazu zählen einerseits die Druckvarianten, die durch Neusatz entstanden. Bei einer Anzahl von mehreren Tausend Exemplaren musste der Kalender einmal, mitunter sogar mehrfach neu gesetzt werden. Solche Doppeldrucke sind so gut wie nie identisch. Es haben sich aber auch Probedrucke der Kalender erhalten. Die Varianz zwischen solchen unkorrigierten und den autorisierten Texten kann beträchtlich sein. Besonders deutlich wird das am Jahrgang 1814, von dem ein – in zwei Exemplaren überlieferter – Druck existiert, der eine überzählige Geschichte enthält. Diese Geschichte mit dem Titel »Ehrlichkeit eines Juden«, von der nicht zweifelsfrei gesagt werden kann, dass sie von Hebel stammt, ist in keiner der bislang vorliegenden Editionen der Kalendergeschichten berücksichtigt worden.
Der unglückliche Kalender

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Der Brief an Kölle, dem der »unglückliche Calender« beilag
Zum Objekt (mit Transkription)Nach Beschwerden der katholischen Geistlichkeit, die an Hebels Geschichte »Der fromme Rath« Anstoß nahm, war die gesamte Auflage des Rheinländischen Hausfreundes auf das Jahr 1815 »unter das Sigel der hohen Polizeibehörde gelegt« worden. Diese Maßnahme hielt Hebel nicht davon ab, den inkriminierten Kalender seinen Freunden zu schicken, versehen mit dem Hinweis, ihre Exemplare seien 20 Taler wert, denn so hoch falle die Strafe aus, die zu gewärtigen habe, »wer einen ausgiebt« (Z 386). Zu diesen Freunden zählte auch Kölle, der als Adjunkt des Hausfreundes nicht nur regelmäßig im Kalender auftrat, sondern auch an seiner Entstehung beteiligt war. So schreibt denn Hebel am 25. Oktober 1814: »Nicht wahr lieber Adiunkt, wir legen iezt die Feder nider, u. es reut uns nicht die Freude, die wir Jahre lang gegeben u. selber mitgenoßen.« Die Abbildung dürfte das »vollständige[] Exempl[ar] des unglücklichen Calenders« zeigen, das dem Brief beilag. Es trägt nicht nur den Kalenderstempel Württembergs, wo Kölle sich als zweiter Sekretär am Obertribunal in Tübingen aufhielt; sondern es befand sich außerdem in einem Konvolut mit zwei weiteren Jahrgängen, darunter ein unkorrigierter Probedruck des Kalenders auf 1814. Solche pflegte Hebel nur im engsten Freundeskreis zu verteilen.
Das goldene Büchlein

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Cottas Anzeige von einem »Schatzkästlein des deutschen Hausfreundes« im Morgenblatt für gebildete Stände
Zum ObjektZwei Jahre nachdem Hebel die Redaktion des Kalenders übernommen hatte, war die Auflage von 24.000 auf 50.000 Exemplare angestiegen. Schon im Dezember 1809 konnte Hebel darauf verweisen, dass der Rheinländische Hausfreund auch jenseits der »ihm als marggrävlich badischen Landcalender lutherischen Antheils angewiesenen Gränzen« (Z 277) gelesen und sogar im Ausland abgesetzt werde. In dieselbe Zeit fällt ein Vorschlag Cottas, ein »Schatzkästlein[] für die interessantern Artikels des Hausfreunds« (Z 278) anzulegen. Im Morgenblatt für gebildete Stände vom 8. Januar 1810 zeigte der Verleger eine Publikation unter dem Titel »Schatzkästlein des deutschen Hausfreundes« an. Die Bedenken Hebels, dass die Geschichten doch zu sehr auf »den Charakter und die Lokalität« (Z 281) der rheinländischen Gegenden berechnet seien, hatten eine Änderung des Titels zur Folge. Anfang Juni 1811 verschickte Hebel die ersten Exemplare des Schatzkästleins des rheinischen Hausfreundes. In einem Brief an eines seiner Straßburger Patenkinder spricht er von einem »goldene[n] Büchlein«, das der »Hausfreund u. Pathe« ihm schenke, »aber das wahre Gold ist innwendig« (Z 324). Es mag eines der Exemplare mit Goldprägung gewesen sein, das Hebel dabei im Sinn hatte.
Eine Freude für Hebel

Kafkas Exemplar des Schatzkästleins, das er 1921 dem Rezitator Ludwig Hardt mit handschriftlicher Widmung zum Geschenk machte
Zum ObjektIn der langen Reihe der Verehrer des rheinländischen Hausfreundes findet sich auch Franz Kafka. Glaubt man den Worten Elias Canettis, so trug Kafka ein Exemplar des Schatzkästleins stets bei sich. Diesen Band, eine illustrierte, 1859 bei Cotta erschienene Ausgabe, machte er im Oktober 1921 Ludwig Hardt zum Geschenk, nachdem ihn eine Lesung des seinerzeit berühmten Rezitators stark ergriffen hatte. In seiner Erinnerung an Franz Kafka (1947) schrieb der so Beschenkte, Kafka habe den Band auf seine, Ludwig Hardts, Bitte hin mit einer Widmung versehen. Die Worte »Für Ludwig Hardt, um Hebel eine Freude zu machen« seien ihm immer Auszeichnung gewesen: »Mein höchster Orden, der mich in die Bruderschaft der Dichter aufnimmt«. Hardt rezitierte Hebel offenbar erst in der vierten von mehreren Prager Lesungen am 14. Oktober. Das Datum der Widmung könnte ein Hinweis darauf sein, dass ihn Kafkas Geschenk dazu veranlasste, die Kalendergeschichten in sein Programm aufzunehmen.







