Kapitel 5Der Proteuser

Aquarellierte Federzeichnung des Proteuserbunds von Christian Meichelt, 1812. Weist die Position von Hebels Unterschrift darauf hin, dass er als vierter von links abgebildet ist?
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In den 1780er Jahren war Hebel Präzeptoratsvikar (Hilfslehrer, der gleichzeitig predigtdienstliche Aufgaben übernimmt) in Lörrach. In dieser Zeit gründete er mit Freunden einen spaßhaften Geheimbund, der sich einem ironischen Kult um den heidnischen Meergott Proteus verschrieben hatte. Als Zentrum dieses Kults bekam Proteus seine eigene Chiffre, ein griechisches Pi mit drei statt zwei Abstrichen: .
In jenen Jahren war Hebels Lage alles andere als rosig. Seine Arbeit wurde eher kümmerlich entlohnt und sein Wirken schien nicht recht anerkannt zu werden. Jahrelang blieb er auf seiner Hilfslehrerstelle sitzen, während Altersgenossen beruflich an ihm vorbeizogen. Da half es, sich an einem Fantasieprodukt schadlos zu halten, das einerseits weniger grimmig war als die Wirklichkeit und es andererseits erlaubte, im Scherz von der eigenen Lebensrealität zu erzählen. Denn Proteus ist das immaterielle Nichts, folglich ist das Gold als das schwerste Metall im Rahmen der proteusischen Weltsicht das unedelste und »die ächten Verehrer des haben gewöhnlich gar keins.«
Allmanach des

Allmanach des : Nach Art des Erkennungszeichens eines Geheimbunds formen die gezeichneten Hände auf dem Titelblatt das . Proteopolis ist Lörrach als Sitz des Proteuserordens.
Zum ObjektWie kann Hebel Hitzig brieflich im Dezember zum neuen Jahr gratulieren? Die Proteuser hatten ihre eigene Zeitrechnung, die Hebel im Allmanach des (s. Abb.) niedergelegt hat. Laut ihr beginnt das Proteusische Jahr am Andreastag, dem 30. November des gregorianischen Kalenders.
Entsprechend ist Hebels Brief mit dem proteusischen Neujahrsgruß auf »[d]en 4ten« des datiert, denn roteus heißt der erste der 14 Monate (»Cyklen«), die das Proteusische Jahr ausmachen. Der Zeitraum vom 14. April bis zum 10. Mai etwa heißt »Anthos« oder »Blüthen-cyclus«, vom 23. September bis 19. Oktober sprechen die Proteuser vom »Oinos« oder »Most-cyklus« – dem Wein und dem »Proteisieren« (vulgo: Leeren) von Weingläsern kam im Rahmen des Proteusertums entscheidende Bedeutung zu.
Mit viel Liebe zum Detail und mit einer großen Portion Humor hat Hebel seine alternative Zeitrechnung ausgearbeitet. So ist der erwähnte Andreastag, da er sowohl der erste Tag des ersten Cyklus (Proteus) und der letzte des letzten Cyklus (Pisis) ist, »ein negativer Schalttag« und damit »des ewigen uhrähnliches Ebenbild.«
Ob das h in »uhrähnlich« eine absichtliche Anspielung auf das Gerät der Zeitmessung oder Hebels laxer Handhabung der Orthographie zuzuschreiben ist (die sich bei ihm auch in anderen Bereichen beobachten lässt); ob es sich bei Hebels proteusischem Kalender um eine Parodie auf den französischen Revolutionskalender handelt, wie man in der Forschungsliteratur angenommen hat – die Proteuserei lässt viele Fragen offen. Allerdings gibt die Stiftzeichnung auf dem Titelblatt des Allmanach des einen Hinweis darauf, woher Hebel die Anregung zum Proteuserbund empfangen hat. Die beiden Hände zeigen das nach Art eines Erkennungszeichens, wie Logen und Geheimbünde sie verwendeten. In seiner Erlanger Studentenzeit war Hebel Mitglied einer solchen Vereinigung, des sog. Amicisten-Ordens, gewesen. So war das Proteusertum für Hebel wohl auch eine Art und Weise, die relative Sorglosigkeit der Studentenjahre ein wenig in das sich schleppend anlassende Berufsleben hinüberzuretten.
Das Wörterbuch des Belchismus

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Meichelts künstlerische Freiheit oder hatte der Proteuserbund mehr Mitglieder als wir wissen? (Bildausschnitt)
Zum ObjektNoch 1815 erinnert Hebel Hitzig an die Zeit »als ienseits des Tüllinger Stegs Proteus in uns gebohren wurde.« Und er nennt Hitzig noch bei dem Namen, den dieser im Rahmen des Proteuserbunds trug: Zenoides. Viele Briefe an Hitzig unterzeichnet Hebel mit: Parmenideus – das war sein eigener proteusischer Deckname. Dabei ist Hitzig gar kein Ur-Proteuser. Wenn wir uns auf das verlassen, was wir gesichert wissen, bestand der Geheimbund anfangs aus Tobias Günttert, dem als ältestem Mitglied die Rolle des Vogts zukam; aus Hebel, der als Stabhalter (d. h. Stellvertreter des Vogts) fungierte; und aus dem damaligen Lörracher Aktuar August Welper, der die Rolle des Bammerts oder Feldhüters innehatte. Hitzig, der erst später dazustieß, wurde zum Oberpriester. Die Funktionen innerhalb des schon zahlenmäßig eher als scherzhaft aufzufassenden Proteuserordens waren also der Verwaltung einer zeitgenössischen Landgemeinde entnommen. Allerdings gab und gibt es immer wieder Spekulationen über weitere Mitglieder, genährt etwa durch Christian Meichelts Federzeichnung des Proteuserbunds, auf der acht beieinander stehende Personen zu sehen sind (s. Abb. 2). Wie dem auch sei – in späteren Jahren scheinen Hebel und Hitzig, die sich 1787 kennenlernten und anfreundeten, den harten Kern des Proteusertums gebildet zu haben. Unter dem Eindruck zweier im Sommer 1791 unternommener Wanderungen auf den Belchen prägten sie den Begriff »Belchismus«, der fortan synonym ist mit Proteusertum. Aus dieser Zeit stammt auch das Wörterbuch des Belchismus (s. Abb.), das die Wörter der proteusischen Geheimsprache samt ihrer normalsprachlichen Entsprechungen verzeichnet. So sind etwa auf einer Zeichnung Hebels aus einem Brief an Hitzig zwei »Netorecks« (Störche) und ein »Schwabenhammel« zu sehen. Der Storch steht als Geschöpf des Himmels und dazu noch als nomadischer Zugvogel dem Proteus besonders nah. Für den Schwabenhammel gibt es im Proteusertum auch das Wort »Milon«. Es setzt sich zusammen aus mē on, dem griechischen Begriff, mit dem Parmenides das Nicht-Seiende bezeichnet, und dem ›l‹ in der Mitte für den Leib (wobei sich die schöne Pointe ergibt, dass altgriechisch ›mēlon‹ tatsächlich ›Kleinvieh‹ oder ›Herdentier‹ bedeutet): Schwabenhämmel »gehören in Absicht des Körpers nicht selten zu den allermateriellsten Entwürfen; sind aber in Absicht des Geistes von dem Nichts selber ununterscheidbar.«
Nicht zufällig schaut also der Hammel auf der Zeichnung stur nach unten und ahnt daher nichts von , während die Störche ihre Köpfe zu erheben. Hebel greift hier ein altes anthropologisches Motiv auf. Schon Platon macht den Unterschied von Menschen und Rindern daran fest, dass erstere dank der Vorratsspeicherung der Nahrung im Magen frei sind, Kopf und Blick zum Himmel zu wenden, während letztere ständig mit Rupfen und Kauen beschäftigt sind und so nur am Boden unter ihren Hufen leben.
Die Proteuserphilosophie

Nicht mit der Lupe, dafür mit reichlich freigeistiger Parodierlust hat Hebel diese Rezension gelesen
Zum ObjektUnter den Dokumenten zum Proteusertum findet sich ein »Verzeichnis der berühmtesten Proteologen älterer u[nd] neuerer Zeiten«. Unter diesen wird nicht ohne Grund zuerst Parmenides genannt. In seinem berühmten Lehrgedicht unterscheidet Parmenides zwei Wege: den der Wahrheit und der Erkenntnis, der sich an das Sein hält, und den der Unwahrheit und der Täuschung, der sich an das Nicht-Seiende (mē on) verliert. Hebel dreht Parmenides auf links, indem er gerade jenes mē on, das Nichts, zum Zentralbegriff der Proteuserphilosophie macht und ihm all die Vollkommenheiten zuschreibt, die Parmenides dem Sein vorbehält: unendlich, nie geworden und nie vergehend, ungeteilt und unbeweglich ist das mit identifizierte Nichts laut den »Grundstrichen des schen Lehrsystems«, die in ihrer Anlage die Form des gelehrten Traktats parodieren.
Hebel selbst gibt den entscheidenden Hinweis auf seine hauptsächliche Quelle: eine in der Allgemeinen Literaturzeitung Nr. 309 von 1790 erschienene Rezension zu F. Plessings Versuchen zur Aufklärung der Philosophie des ältesten Alterthums. Sowohl Plessings Werk als auch die Rezension dürften gerade in der Verbissenheit, mit der sie den gelehrten Streit um die Aussprüche antiker Geistesgrößen führen, Hebels Spott- und Parodierlust geweckt haben. Denn das markanteste Merkmal der Proteuserphilosophie ist gerade ihre Unbekümmertheit, die sich um interne Widersprüche nicht schert und einige Interpreten durch ihre kaum entwirrbare Verflechtung von Tief- und Unsinn vergrätzt hat. Vielleicht aber liegt gerade hierin ihre Pointe. So schreibt Hebel unter dem Eindruck ihn frustrierender Kant-Lektüre 1797 an Hitzig: »Es gibt nur ein System, nur eine Philosophie – Unsere! die sich von allen andern wesentlich darinn unterscheidet, daß sie auf einem Grunde ruht, in dem iene auf nichts, die unsrige aber doch wenigstens auf das Nichts gegründet ist.« (Z 36)

