Kapitel 4Hebel der Theologe

Hebelbüste vor der Peterskirche, in der Hebel getauft wurde.
Zum Objekt»Hebel steht nicht in der Geschichte der deutschen Theologie, sondern in der Geschichte der deutschen Frömmigkeit«, so Theodor Heuss 1952.1 In gewisser Weise ist der Satz bezeichnend für die gesamte Hebelforschung, die diesen Aspekt im Schaffen und Denken Hebels für tendenziell weniger bedeutsam angesehen hat. Vor allem Hebels Briefe zeigen allerdings, dass ihn einige theologische Fragestellungen und Probleme immer wieder umgetrieben und beschäftigt haben.
Footnotes
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Theodor Heuss, Johann Peter Hebel. Rainer Wunderlich Verlag. Tübingen 1952. S. 26 ↩
»Die große herrliche Oper« – Eschatologie bei Hebel

Erste Station auf dem Weg ins Himmelreich und proteusische Kultstätte zumal: der Belchen
Zum Objekt»Ist es wahr, daß die erste Station von der Erde zum Himmel auf dem Belchen ist und die zweite im Mond, u. die dritte auf dem Morgenstern u daß dort alle 8 Tage ein Komet als Postwagen ankommt und die angelangten Fremdlinge von aller Welt Ende ins himmlische Jerusalem zur ewigen Heimat führt?«.
So schreibt Hebel 1795 an Gustave Fecht (Z 23). Die Auferstehung der Toten ist vielleicht der Glaubensartikel, der ihn am meisten beschäftigt und seine schrift- und briefstellerische Fantasie am nachhaltigsten angeregt hat. So vergleicht etwa das Gedicht Der Wächter in der Mitternacht das Blinken der Sterne mit den Lichtern des Heimatdorfes, die ein Wanderer in der Nacht erblickt. Wer von Hebel als einem Heimatdichter spricht, sollte sich bewusst sein, dass »Heimat« bei Hebel immer auch die endzeitliche himmlische Heimat bedeutet – eines der häufigsten Bibelzitate in seinen Briefen ist Hebräer 13, 14, wonach wir auf dieser Erde keine bleibende Statt haben.
Wer glaubt, Hebel habe sich als Dichter mit der Enge des Wiesentals begnügt, läuft Gefahr zu übersehen, dass das Wiesental bei Hebel literarisch so weit wird, dass es noch die letzten Dinge in sich fassen kann. Ebenso wie die eingangs zitierte Briefstelle verlegt das Gedicht Die Vergänglichkeit den Schauplatz des Weltendes und der Apokalypse in das Markgräflerland.
Typisch Hebelisch an diesem Vorgehen ist die lebensweltliche Verortung der letzten Dinge: »Dich grüße Gott ins neue Leben, du lieber Auferstandener«, gratuliert er Hitzig per Brief zu einer glücklich überwundenen Krankheit. »Wir sind im Grund wunderliche Leute, daß wir glauben man müße zu vor gestorben seyn, um aufzuerstehen, da man eigentlich nur zu liegen braucht vorher, und daß wir meinen, das neue Leben sei nur im unbekannten Jenseits, da doch ieder gegenwärtige Augenblick das alte Leben von dem neuen abschneidet« (Z 51).
Dass Hebel durchaus auch die Theatralik der Apokalypse-Vorstellung zu schätzen wusste, belegt die Fortsetzung des Briefs an den vom Krankenlager auferstandenen Hitzig: »Freilich ists das wahre neue Leben nicht … und wir halten eigentlich bei solchen Gelegenheiten nur die Probe im Alltagsrock, damit wirs recht können, wenn die große herrliche Oper angeht, und wenn wirs recht einstudirt haben, so gehn wir ins Ankleidzimmer, und warten u. lauschen bis das Orchester von Seraphinen laut wird hinter dem großen blauen Vorhang und bis er aufgezogen, und seine Wolken- u Sternengemählde eingerollt werden u. dann gilts Ernst, frölichen Ernst« (Z 51).
Der Polytheismusbrief

Schlägt man die Allemannischen Gedichte auf, begibt man sich in einen von Geistern und Engeln erfüllten Kosmos.
Zum ObjektIm April 1809 schreibt Hebel an Friedrich Wilhelm Hitzig. Als »eine Beicht unter Freunden«, deklariert er selbst seinen Brief, »so heilig … als die am Altar.« Der Polytheismus, die heidnische Vielgötterei, habe es ihm angetan, eröffnet Hebel seinem engsten Vertrauten, denn dessen Götter seien »uns näher … als der einzige, ewige unerfaßbare über den Sternen« (Z 252).
Die absolute Enthobenheit des jüdisch-christlichen Gottes ruft Hebels theologisches Unbehagen hervor. »Ich möchte mich gerne mit einem oder einigen Göttern dieser Erde begnügen«, fährt er fort, »die um uns sind, die uns lieben u. beobachten, die unsre Blüthenknospen aufthun, unsre Trauben reifen, denen wir trauen können, u. die sich lediglich nichts darum zu bekümmern haben, wer für die andern Sterne sorgt, so wenig als wir. Sie sollen nicht allmächtig, nicht allweise nur mächtig u. weise genug für uns seyn, nicht souverain, sondern untergeordnet einem noch mächtigern u. weisern, um den sie, nicht wir uns zu bekümmern haben« (Z 252).
Für die Hebel-Forschung hat der Brief einige kontrovers diskutierte Fragen aufgeworfen: Stellt er den Schlüssel zu Hebels persönlicher Theologie dar oder ist er im Gegenteil nur als Produkt einer flüchtigen Laune zu werten? Erklärt er, warum Hebel in seinen literarischen Texten mit Vorliebe Engel- und Geisterwesen umgehen lässt? Ist er im Zusammenhang mit dem ironisch-spaßhaften Kult um den heidnischen Meergott Proteus zu sehen, dem der junge Hebel anhing? Hat Hebel seine Sympathie für den Polytheismus später christologisch überwunden?
Klarerweise lässt sich dem Brief ein religiöser Konkretismus ablesen. Die aufgehenden Blütenknospen, die reifenden Trauben, die filigrane Perfektion eines Spinnennetzes oder auch die Bäume im Frühling, die in neugewonnener Pracht dastehen »wie Auferstandene von den Todten in ihrer Verklärung« (aus der Erzählung Über die Baumzucht aus dem Schatzkästlein): An den Dingen der Nahsphäre soll das göttliche Walten und Wirken sich zeigen und erfahren werden. »Die Sinnlichkeit – Sie will nicht besiegt, sondern gewonnen seyn« (Z 50).
»Item, wie sagt die Schrift?« Hebel als Prediger

Titelblatt des Rheinländischen Hausfreunds (Detail)
Zum Objekt»[W]er nur Ja sagen darf um Stadtpfarrer u. Universitätsprediger in Freyburg zu seyn, das bin ich«, meldet Hebel 1806 an Gustave Fecht. »Die Stelle ist mir angeboten. Sie können denken, wie viel ich in beide Wagschalen zu legen habe, wie es an mir zieht, u. zurükhält« (Z 187). Am Ende ist Hebel erleichtert, als der Großherzog ihm die Entscheidung abnimmt, indem er den Wunsch ausspricht, Hebel möge in der Residenzstadt Karlsruhe bleiben. Letztlich hat er nie eine Pfarrstelle angetreten.
Die homiletische Frage nach dem »wirksamste[n] Vehikel für den Eingang ins Herz« (Z 414) hat ihn ungeachtet dessen sehr beschäftigt. »Moralische Predigten«, schreibt er 1800 dem Heidelberger Kirchenrat Wolff, »besonders die welche sich ausschließlich mit einzelnen Pflichten und ihren Zweigen beschäftigen, scheinen mir wenig Wirkung weder im Augenblick noch in der Folge zu thun. Das einzige Mittel ihnen Kraft u. Leben zu geben …, ist diß, die moralischen Reflexionen in historischen Texten aus bekannten Faktis abzunehmen, und immer wieder auf die Geschichte zu rekurriren und so dem trockenen todten Moralvortrag Anmuth u. Leben zu verschaffen« (Z 50).
Nicht wenige seiner Gedichte und Kalendergeschichten setzen diese Einsicht um. Eine launige oder rührende Erzählung gibt die »Faktis« vor, aus denen das moralische Resumée gezogen wird.
Schon ein Jahr vor dem Angebot aus Freiburg riet ein Freund Hebel dazu, die offene Pfarrstelle in Schopfheim anzunehmen. »Aber ich scheute, nicht die Geschäfte, sondern die Kirche die ich kenne u. mit meiner Brust u. Stimme maß« (Z 142). Hebel hat das Amt des Predigers auf seine Weise und nach seinen Fähigkeiten versehen, indem er es nicht vorrangig mit der Stimme, sondern mit der Schreibfeder ausgefüllt hat.
Die badische Kirchenunion von 1821

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Die Evangelische Stadtkirche am Marktplatz in Karlsruhe, in der die badische Kirchenunion im Sommer 1821 beraten und feierlich vollzogen wurde.
Zum ObjektEs ist der Höhepunkt seiner Karriere: Als Lutheraner und Reformierte sich 1821 zur ›Vereinigten Evangelisch-Protestantischen Kirche im Großherzogtum Baden‹ zusammenschließen, wird Hebel deren erster oberster Geistlicher. Und für seine Verdienste um diese Kirchenunion verleiht ihm die Heidelberger theologische Fakultät die Ehrendoktorwürde. Wie sahen diese Verdienste aus? Ein theologischer Vordenker oder Neuerer der Kirchenorganisation scheint Hebel nicht gewesen zu sein – aber jenes Einigungswerk war ja auch kein rein geistliches Projekt. Nicht zuletzt war es ein eminent politisches Vorhaben, um das neue Baden, diesen aus diversen Territorien des alten Reichs zusammengestückten, konfessionell heterogenen Rheinbundstaat homogenisierend zu festigen. Das lutherische Fürstenhaus regierte jetzt mehrheitlich katholische Untertanen, auch reformierte waren hinzugekommen, und von dorther ist Hebels prominente kirchenpolitische Stellung vielleicht zu fassen: Der loyale lutherische Altbadener (vgl. die rechtgläubige Investitur der vom katholischen Glauben abgefallenen, nun markgräfler Titelheldin in der Wiese, oder im Schmelz-Ofen den Toast auf den Landesherrn) besaß offenbar in hohem Maß das Vertrauen der Großherzöge (vgl. den Brief an Gustave Fecht vom 15. Februar 1807, Z 195). Womöglich auch, da er nicht konfessionalistisch-konfrontativ agierte: So verbindet etwa der Text-Fluss der Wiese katholisches, lutherisches und, »ohni Widerred vo mine gnädige Here«, reformiertes Bekenntnis; und um 1820 stand Hebel in freundschaftlich-respektvollem Kontakt mit dem katholischen Freiburger Bistumsverweser von Wessenberg, für den er als Mittler zum Großherzoglichen Haus auftrat. Überhaupt ist Hebels Korrespondenz 1819–1821 wiederholt Zeugnis konfessionell vermittelnden Wogenglättens. Somit war seine Mission als hochrangiger Geistlicher wohl die eines innenpolitischen Diplomaten, der in den Augen des Großherzogs die staatlich-kulturelle innere Einigung Badens mit Bravour förderte und dafür entsprechende Auszeichnungen erhielt.
»Ich suche dismal meine Recensenten in der Kinderwelt«. Hebels Biblische Geschichten


»Das Reich Gottes ist einem Senfkorn gleich, oder einem anderen kleinen Samenkorn, den ein Mensch nimmt, und in seinen Garten bringt.« (Biblische Geschichten II, Nr. 56)
Zum Objekt1813 entschied man in Baden, Johann Hübners 1714 erschienene Biblische Historien nicht mehr im Schulunterricht einzusetzen. In die Debatte um den Nachfolger schaltete Hebel sich mit zwei Gutachten ein – ähnlich wie 1806, als es um die Neuausrichtung des Badischen Landkalenders ging. Am Ende wurde Hebel aufgetragen, das biblische Lesebuch für den Schulgebrauch selbst zu verfassen – ähnlich wie ihm einige Jahre zuvor die Redaktion des Landkalenders übertragen worden war.
»Sie und Hitzig und ich und ein halbes Dutzend verstorbene und lebende Schulkameraden zwischen 1768 und 1772 heraus«, so schreibt Hebel Ende 1818 an Gottlieb Fecht, »müssen beständig vor mir stehen, wenn ich an der Bibelgeschichte schreibe. Uns Obgenannte muß ich unaufhörlich fragen, obs uns recht sei so und ob wirs auch verstehen …« (Z 432).
Kindgerecht soll seine Aufbereitung der Bibel sein. So entschärft er etwa die Sohnesopfererzählung, indem er allzu drastische Einzelheiten – den festgebundenen Isaak, das Messer, das schon in Abrahams Hand ist – weglässt. Zu einzelnen Wörtern bringt er Erklärungen an (»eine Arche, das heißt ein großes Haus, welches auf dem Wasser schwimmt«). Von seinem Verleger Cotta wünscht er sich »eine schöne Ausgabe, … ein nettes Büchlein in klein Oktav«, denn »Kinder lieben das Nette und Kleine« (Z 494).
Pikanterweise hatte Hebel im zweiten der oben erwähnten Gutachten, das sich gegen eine adaptierte Version von Christoph von Schmids Bibelgeschichte wandte, konfessionelle Bedenken angemeldet: »Wir haben vielleicht nicht recht gethan, daß wir den Versuch einer Bibelgeschichte von der Hand eines Katholiken zum Lehrbuch unserer protestantischen Schulen gewählt haben.«1 Nach Publikation seiner Biblischen Geschichten 1824 tritt genau der umgekehrte Fall ein und »[e]s wird um Einwilligung gefragt, eine Ausgabe zum Gebrauch in catholischen Schulen mit wenig Verbesserungen und Zusätzen zu veranstalten«. Da kehren auch Hebels konfessionelle Bedenken sich um: »Als Verfasser kann ich nur mit Freude einstimmen und behalte mir nichts vor, als die Durchsicht vor dem Abdruck« (Z 530).
Footnotes
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J. P. Hebel: Meine Bemerkungen Über das mit Abänderungen in unsern Schulen einzuführende biblische Geschichtbuch von Schmid. LKA, Rep. EOK, GA 2707; Erstdruck bei Peter Katz: Ein Gutachten Hebels. In: Theologische Zeitschrift, hrsg. von der Theol. Fak. der Univ. Basel, Jg. 15, Heft 4, Juli–August 1959. ↩

