
Kapitel 6: Der Junggeselle
Gustave Fecht
Gustave Fecht mit Hahn (Ausschnitt)
Zum ObjektIm Krebsgang

Gustave Fecht mit Hahn
Zum Objekt»Allerwerteste Jungfer Gustave« – so lautet die Anrede der in Weil Zurückgelassenen in Hebels erstem Brief aus Karlsruhe. Weiter heißt es: »So nenn ich Sie denn iezt […] das erstemal wieder, seit ich einst an einem Sontag Nachts in H[errn] Pror[ektors] Haus beim Blindemausspiel war, und mit Schneeballen gerieben wurde, und den andern Tag etwas hörte, was ich niemand sage« (Z 5). Hebel geht hier, nach der Trennung von Gustave, an den Anfang ihrer Bekanntschaft zurück. Tobias Günttert, bis 1790 Prorektor des Lörracher Pädagogiums, an dem auch Hebel als Präzeptoratsvikar tätig war, hatte 1788 seine Schwiegermutter und deren zweite Tochter Gustave Fecht bei sich aufgenommen. In diesem Haus war Hebel ihr zuerst begegnet, hatten sich die ersten Bande geknüpft, ehe Günttert seinen Wohnsitz nach Weil verlegte, um dort das Amt des Pfarrers zu übernehmen. Es hat den Anschein, als wollte Hebel mit seinem Brief räumliche und zeitliche Distanz gleichschalten. Als sollte die Entfernung, die sich durch seinen Umzug zwischen den beiden aufgetan hatte, in der vorsichtig-förmlichen Anrede ihrer ersten gemeinsamen Zeit aufgefangen werden. Als seien beide wieder an den Punkt zurückgekehrt, an dem die wechselseitige Neigung noch unausgesprochen zwischen ihnen stand. »[D]aß es mit mir leider immer rückwärts geht«, bezeichnet Hebel als »fatale[n] Umstand«. Er mache ihn »zu einem ziemlich Krebsartigen Wesen«.
Anf(l)echtungen

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Karl Christian Gmelin - Hebels Freund und Gewährsmann in naturkundlichen Angelegenheiten
Zum ObjektZum Jahreswechsel auf 1797 kam es zu einer Verstimmung zwischen Hebel und dem Direktor des Karlsruher Naturalienkabinetts sowie der botanischen Gärten, dem Naturforscher Carl Christian Gmelin. Gmelin war 1794 vor den französischen Revolutionstruppen nach Ansbach ausgewichen. Während seiner Abwesenheit übernahm Hebel von ihm den Naturkundeunterricht am Gymnasium illustre. Hebels Briefe aus dieser Zeit zeigen, wie sich zwischen beiden ein vertrauliches, auf gemeinsamen Interessen beruhendes Verhältnis entwickelte. Wie aber kam es zu der Verstimmung? Wohl in Antwort auf Hebels Mitteilung, er habe im Oberland einige Pflanzen gesehen, die ihm noch fehlten, weshalb er keine Ruhe mehr in Karlsruhe habe (Z 32), hatte sich Gmelin einen Scherz erlaubt. In welche Richtung dieser Scherz zielte, lässt sich Hebels Reaktion entnehmen: »Mit meiner oberländer Botanisirung haben Sie Ihren lieben Spaß, wozu ich mich einem Freund gern hergebe; doch muß ich, um dem Lichen pubescens seine Ehre u. Gerechtigkeit, ungefährdet widerfahren zu laßen, bemerken, daß ich nicht wegen ihm in Weil gewesen bin, und daß mir wohl besagter Lichen, so ehrenwerth er mir ist, unberührt sein u. bleiben wird, so lange ich lebe.« (Z 34)
Lichen pubescens (pubescens = behaart, mannbar) ist eine zuerst von Linné beschriebene alpine Strauchflechte. Wenn Gmelins Witz auch von der Ähnlichkeit der Wörter »Flechte« und »Fecht« lebt, ist ihm doch eine gewisse Grobheit nicht abzusprechen. Die Flechte galt lange Zeit als niederer Organismus. Linné nannte sie das »armseligste Bauernvolk« der Vegetation. Dazu kommt, abgesehen vom sprechenden botanischen Namen, eine versteckte sexuelle Konnotation, die Hebel missfallen musste. Flechten gehören nach der Linnéschen Klassifikation zu den Krytogamen, d.h. Geheim-, oder Verborgenblüher, deren Vermehrung ohne Blüte, also im Verborgenen stattfindet. Hebel verstand diese Anspielung genau. Gerade im vorhergehenden Brief hatte er Gmelin einige Gedanken zur Klasse der Kryptogamen auseinandergesetzt, auf die er bei der Lektüre des zweiten Teiles von Georg Franz Hoffmanns Flora Deutschlands gestoßen war (Z 33). Durch Gmelins Witz wurde Gustave also gleich in mehrfacher Hinsicht herabgesetzt. Es nimmt daher nicht Wunder, dass Hebel meinte, ihre angefochtene Ehre verteidigen zu müssen. Für die Einschätzung von Hebels Verhältnis zu Gustave sind jedoch noch zwei andere Punkte an dieser Episode aufschlussreich. Zum einen setzt Gmelins Witz Bekanntschaft mit Hebels Neigung zu Gustave voraus. Hebel muss in seinem Freundeskreis über seine Absichten gesprochen haben, womit er ihnen sozusagen einen offiziellen Anstrich verlieh. Zum anderen ist die Absolutheit bemerkenswert, mit der er einer amourösen Beziehung zu Gustave eine Absage erteilt. Die Entscheidung gegen die eigene Neigung erscheint bereits hier als unumstößlich.
Bilderrätsel


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Links: Agricolas Hebel-Porträt »nach der Natur gezeichnet auf Stein« (erste Serie)
Zum ObjektRechts: das von Agricola überarbeitete und bei C. F. Müller gedruckte Porträt (dritte Serie)
Zum ObjektAm 13. September 1814 schickt Hebel ein Porträt mit folgenden Worten nach Weil:
»Ob Sie gleich schon ein Conterfei haben, so schicke ich Ihnen doch auch einen Kupferstich. Fangen Sie damit an, was Sie wollen. Sie ahnen aber vielleicht, für wen ich ihn in Ihre Hände niederlege. Wenn Sie ihn behalten, bis Sie es errathen haben, so behalten Sie ihn alsdann gewiß auch, wann Sie es errathen haben. Vielleicht lös ich ihn aber doch noch mit einem bessern aus. Müller ist unzufrieden damit, u. will die Zeichnung selber stechen. Der Steindruck wird nun vervielfältiget. Ich glaubte die Platte sey längst zerschlagen. Ich schicke Ihnen einige Ex. mit zu beliebiger Vertheilung an Ihre u. meine Freunde oder Freundinnen. […] Das beste, wo in der Welt ist, haben nun Sie. Die andern schicke ich, so gut sie zu haben sind. Von Herzen, Ihr ergebenster P.« (Z 382)
Wir kennen nicht viele Briefe an Gustave, in denen Hebel zu einem so vertraulichen Ton findet wie in diesen wenigen Zeilen. Die Nähe, in die er sich hier vorwagt, findet ihren unverstelltesten Ausdruck in der Schlussformel. Sie scheint fast die für ihn im Grunde unantastbare Grenze zum »Du« überschreiten zu wollen. Zumindest hebt sie sich deutlich ab von »Ihr Freund Hebel« oder »Ihr redlicher Hebel«, mit denen er sonst zeichnet. Offenbar fand Gustave aber nicht nur den Kupferstich nicht getroffen; sie scheint auch nicht weiter auf Hebels »von Herzen« kommende Worte eingegangen zu sein. Aus seinem nächsten Brief vom 8. Oktober spricht deutliche Enttäuschung: »Da Sie den K[upfer] St[ich] nicht getroffen finden, so fangen Sie damit an, was Sie wollen. Sonst wissen Sie ia wohl, wem ich gern etwas schickte, wem ich Freude damit zu machen hoffte, und wessen Rechte auf meine Liebe u. Verehrung mit dem Scheiden nicht aufgehört haben.« (Z 385) Er verabschiedet sich, in die alte Zurückhaltung fallend, mit »Ihr Freund P.« Dass sich dann, nach einem weiteren, nur fragmentarisch überlieferten Schreiben vom Dezember 1814, eine fast fünf Jahre währende Lücke in der Korrespondenz auftut, wird nicht nur mit dem Verlust der Briefe zu tun haben.
Von welchem Kupferstich die Rede ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. In einem Brief an Hitzig vom Januar 1815 heißt es, Hebel erwarte einen solchen von Agricola nach einer neuen Zeichnung (Z 390). Die Zeichnung, die Hebel gegenüber Gustave erwähnt, stammt wohl von dem in Stuttgart geborenen Johann Friedrich Müller (1782-1816). Er wurde durch Kölles Vermittlung mit Hebel bekannt, der ihm 1810 für ein Porträt saß. Die Zeichnung diente mehreren Kupferstichen zur Vorlage, unter anderem einem von Müller selbst, der sich heute in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe befindet. Bei dem Steindruck handelt es sich um die bekannte Lithographie von Karl Josef Agricola (1779-1852). Der Künstler hat Hebels Bildnis »nach der Natur auf Stein gezeichnet« und 1813 in der von C. F. Müller begründeten Lithographischen Anstalt zu Karlsruhe drucken lassen. Dabei sind von der ersten Druckserie nur 10 Abzüge gelungen, von denen 5 erhalten blieben. Das im Besitz von Gustave befindliche beste Bildnis, »wo in der Welt ist«, dürfte aus dieser Serie stammen. Eine Beschädigung der Platte, die weitere Reproduktionen unmöglich machte, ist wohl der Grund, weshalb Hebel sie zerschlagen glaubte. Agricola hat sie aber noch einmal bearbeitet und zwei weitere Druckserien anfertigen lassen. Es ist diese neuerliche Vervielfältigung, von der Hebel hier spricht.



