
Kapitel 2: Der Dichter
Raubdrucke der Allemannischen Gedichte
Unter Geiern.

Ein Titelblatt der betrugsverdächtigen Karlsruher Wieland-Ausgabe – beim späteren Verleger von Hebels Werken.
Zum ObjektMit ›Raubdrucken‹ um 1800 ist es so eine Sache. Von rechtmäßigen Verlegern und Schriftstellern nicht genehmigt, bringen sie diese um finanziellen Gewinn; andererseits aber sorgen sie, billiger als teure Originalausgaben, für weite Verbreitung literarischer Texte, tragen zur Hervorbringung und Festigung prominenter Autornamen bei. Und im Fall von Hebels Allemannischen Gedichten bieten deren klandestine Nachdrucke eine Reihe hübscher Pointen: zunächst die, dass just in Karlsruhe, neben Reutlingen und Wien ein berüchtigtes Raubdruckernest, Macklot und Hebel Opfer eigenmächtiger Nachdrucker werden – und beide doch auch wieder nicht.
Morgenröte der Autoreitelkeit.


Links: Furcht vor dem Raubdruck – oder Hoffen auf ihn? Johann Peter Hebel an Friedrich Wilhelm Hitzig im Dezember 1802.
Zum Objekt (mit Transkription)»Ich habe 500. Ex. über die Bestellung drucken lassen«: Natürlich wäre es für Hebel unangenehm, wenn er auf diesem Halbtausend der Allemannischen Gedichte sitzen bliebe. Interessant ist allerdings der Grund seiner Besorgnis: »Denn es ist mir darum zu thun, daß das Bürschlein der Welt bekannt werde […] eh’ es ein Nachdruker in seine Lumpen kleidet.« Der literarische Niemand fürchtet keineswegs einen Misserfolg seines poetischen Debüts – sondern vielmehr, dass Raubdrucker das schmucke ›Bürschlein‹ flugs in ihren Verlag entführen werden. So schnell ging’s aber dann doch nicht mit dem offenbar durchaus auch schmeichelhaften Raubdruck der Sammlung – deren vielleicht erster Hebel womöglich entgangen ist.
Der rechtmäßige Verleger als erster Nachdrucker?


Trau, schau, wem! S. 110 der Allemannischen Gedichte in verschiedenen Exemplaren der »Vierte[n] Auflage […]. Carlsruhe. In Macklots Hofbuchhandlung. 1808.«
Links: S. 110 in der vierten Auflage der Allemannischen Gedichte, Version I
Zum ObjektRechts: S. 110 in der vierten Auflage der Allemannischen Gedichte, Version II
Zum ObjektMitunter werden während des Druckvorgangs einzelne Setzerversehen berichtigt. Und bei Beschädigungen oder Abnutzung der Druckform erfolgt womöglich ein Neusatz. Verschiedene Exemplare ›desselben‹ Buchs können im Detail also verschieden daherkommen, das ist um 1800 nichts Auffälliges – im Fall der vierten Auflage der Allemannischen Gedichte aber schon. Die abgebildeten Exemplare dieser angeblich ›einen‹ Auflage wurden nicht vom selben Satz gedruckt: Der Geviertstrich vor der Seitenzahl beginnt links ziemlich genau über, rechts hingegen deutlich vor dem »es« darunter. Dieses wiederum steht links deutlich vor, rechts aber ein wenig nach dem »und« in der zweiten Zeile. Eines der beiden Exemplare (das rechte) wurde neu gesetzt, aber warum? Jedenfalls nicht, um Druckfehler zu korrigieren, denn »her« (statt ›het‹, zweiter Vers v.o.), »uud« (statt ›und‹, elfter Vers v.o.) sowie ein überflüssiger Punkt (nach dem fünften Vers v.o.) wurden übernommen, sorgfältig, wie es scheint. Offenbar wurde der neuerliche Satz und Druck der Allemannischen Gedichte verschleiert: Macklots Hofbuchhandlung veranstaltete wohl insgeheim eine Neuauflage, ohne das damit fällige Autorenhonorar zu zahlen – und das sollte Hebel natürlich nicht bemerken.
Besser als das Original.


Touché. Die fünfte rechtmäßige Auflage der Allemannischen Gedichte und ihr Reutlinger Raubdruck
Links: Titelblatt der fünften von Hebel autorisierten Auflage der Allemannischen Gedichte
Zum ObjektRechts: Titelblatt eines eigenmächtigen Nachdrucks jener „Original Ausgabe“
Zum ObjektSkrupellos sind sie, die Raubdrucker – mitunter aber auch textsicherer als die von ihnen kopierte Vorlage. Etwa, wenn hier ein Nachdruck so maliziös wie kompetent die durch ihn plagiierte angeblich »vollständige Original Ausgabe« vervollständigt: nämlich um das lateinische Motto der Sammlung, »Sylvestrem tenui musam meditabor avena« (›Auf der schlichten Hirtenpfeife versuch’ ich ein Waldlied‹), das tatsächlich nicht fehlen sollte. Es handelt sich um ein Zitat aus dem damals berühmten Beginn von Vergils erster Ekloge, der von der Vertreibung aus bzw. dem Verbleib in der Heimat handelt und ›ländliche‹ Dichtung dazu in Beziehung setzt. Mit ihm als Motto seiner Allemannischen Gedichte spiegelt deren Autor, der aus dem Oberland stammt, seine Situation im Karlsruher ›Exil‹. Und er stellt dadurch sein bukolisches ›Bürschlein‹ selbstbewusst einem der prominentesten Gattungsvorbilder zur Seite: offenbar zu Recht, wenn jetzt ›ein Nachdruker‹, der es ›in seine Lumpen kleidet‹, diese Geste anerkennend wiederholt.
We call it a Klassiker.


Typographischer Ritterschlag durch einen Raubdruck des Raubdrucks.
Links: ›Original‹-Nachdruck der Allemannischen Gedichte von 1821
Zum ObjektRechts: Nachahmung dieser Vorlage von 1822
Zum ObjektDie Restitution des lateinischen Mottos bei Mäcken zeigt, dass es Hebel tatsächlich gelungen ist, mit den Allemannischen Gedichten »unsere sonst so verachtete u. lächerlich gemachte Sprache classisch zu machen« (Brief an Hitzig vom [4. November 1809]). Dieses Signal verstärkt der Nachdruck des Nachdrucks durch einen Reutlinger Kollegen: Auf dem Titelblatt finden anstelle der erwartbaren Frakturbuchstaben nun lateinische Lettern Verwendung. Das ist in deutschsprachigen Drucken um 1800 ungewöhnlich. Solche typographische Auffälligkeit bildet, wie etwa in der Göschen’schen Wieland-Ausgabe (1794–1811), einen Hinweis an das Publikum, dass die betreffenden Texte antikenähnliche Klassizität besitzen bzw. beanspruchen. Derart kompensieren die Reutlinger Raubdrucke den von ihnen angerichteten ökonomischen Schaden immerhin durch symbolisches Kapital.