
Kapitel 2: Der Dichter
Die Allemannischen Gedichte von 1803
Der Originaleinband der Allemannischen Gedichte von 1803
Zum ObjektÜberraschungserfolg eines literarischen Debütanten


Links: Titelblatt der Erstausgabe der Allemannischen Gedichte.
Zum ObjektRechts: Höchstes Lob aus Weimar: Goethes Rezension der Allemannischen Gedichte.
Zum ObjektDie Allemannischen Gedichte, von denen rasch eine weitere Auflage auf den Markt kam, waren umgehend nicht nur regional erfolgreich; mit seinem literarischen Debüt war Hebel »im Begriff sich einen eigenen Platz auf dem deutschen Parnaß zu erwerben« (Goethe). Beifall fand die Sammlung als kunstfertig inszenierte ›naive‹ Dichtung: in der Tradition von Matthias Claudius’ Wandsbecker Bothen bzw. einer sich ›mündlich‹ gebenden ›Volkspoesie‹, wie sie seit Herders Volksliedern (1778f.) geschätzt wurde. Zudem bewunderte man Hebels verstechnischen Gebrauch der Dialektsprache sowie die artistisch-spielerische Unaufdringlichkeit seiner sittlich-didaktischen Allegoresen. Und angesichts aktueller gender-Debatten mag es faszinieren, daß die Allemannischen Gedichte einen Schauplatz abgaben, auf dem lautlos, aber kontrovers sich eben erst etablierende romantische Geschlechterrollenbilder diskutiert wurden.
Die Anfänge
![Brief Johann Peter Hebel an Friedrich Wilhelm Hitzig, 6. Februar [1801], erste Seite, Reproduktion.](/_astro/2.1_02_1a_Hebel_Hitzig_Meine_Liebhaberey_BLB.Cvbnwkv0_SdwON.webp)
1 / 3
Männerfreundschaft: Hitzig erfährt wohl als Erster vom Projekt der Allemannischen Gedichte.
Zum Objekt (mit Transkription)Am Anfang der Allemannischen Gedichte stand sprachhistorisch ambitionierte Hobby-Poeterei (Bild 1). Von dem Vorhaben, Mundartgedichte mit linguistischen Überlegungen zu veröffentlichen, berichtet Hebel erstmals, soweit bekannt, im Februar 1801 an Friedrich Wilhelm Hitzig. Die im Brief erwähnten ›anliegenden Jamben‹ meinen vermutlich eine frühe Version des Hexleins (Bild 2): Ein entsprechendes Manuskript (mit dem Titel E verhexte Burst), dessen Faltung (Bild 3) zu der des Briefs stimmt, hat sich in Hitzigs Nachlass erhalten. Dieses Gedicht, mit seiner schillernden ›Heldin‹, markiert wohl den Beginn des jahrelangen Austauschs der Freunde über Hebels Dialektdichtung. Nicht überliefert ist das ›Müsterlein‹ der Worterklärungen. Der Dengelegeist wurde wahrscheinlich zwar ausgearbeitet, aber erst 1809 im Taschenbuch Iris unter dem Titel Geisterbesuch auf dem Feldberg publiziert. Diese Version fand 1820 Aufnahme in die fünfte Auflage der Allemannischen Gedichte.
Die Sammlung nimmt Gestalt an


Links: Frühe eigenhändige Version des Gespensts an der Kanderer Straße, erste Seite
Zum ObjektRechts: Frühe eigenhändige Version der Marktweiber in der Stadt, erste Seite
Zum ObjektIm Februar 1801 plante Hebel »bald eine kleine Sammlung […] Gedichte« zu veröffentlichen. Wohl schon im Juli stellte er eine Handschriftengruppe zusammen, die er bis zum Jahreswechsel 1801/02 erweiterte. Der überlieferte Teil des Konvoluts enthält frühere Versionen von gut der Hälfte der Allemannischen Gedichte, die sich von den später gedruckten oft markant unterscheiden. Die Manuskripte bieten vollständig ausgearbeitete, aber noch vorläufige Texte. So präsentiert die erste Seite der Marktweiber in der Stadt (rechts) eine fast korrekturlose Reinschrift, die schon eine Anordnung der Sammlung erkennen lässt: Die Handschrift ist, mit »13.« nummeriert, nach dem mit »12.« bezifferten Gespenst an der Chanderer Straße (links) einsortiert. Aber das Gedicht trägt noch keinen Titel, und es ist auf dünnem, mehrfach gefaltetem Briefpapier geschrieben: Hebel hatte es vermutlich als Briefbeilage verschickt, um die Meinung des Empfängers zum noch nicht feststehenden Text zu erfragen.
Ein mathematisches Intermezzo

Aussagekräftiger Zahlensalat: Titel, Verszahl und potenzieller Druckumfang einzelner Gedichte.
Zum ObjektNicht vor Frühjahr 1802 entstanden, lässt dieses eigenhändige Verzeichnis erkennen, wie intensiv Hebel an den Allemannischen Gedichten kurz vor deren Drucklegung im November gearbeitet hat. Die »Marktw.[eiber]« werden mit »72.« Versen geführt, jene Version auf Briefpapier war wohl um drei Strophen gekürzt worden; später umfasst das Gedicht wieder 15 sechsversige Strophen. Auch bei anderen Gedichten, etwa »Marienk[äfer]« (Käfer), »H[ans] u.[nd] V.[erene]« oder »Wächt[erruf]«, weicht der angegebene Umfang deutlich von dem des Erstdrucks ab. Vor allem aber bietet das Verzeichnis eine textgeschichtliche Überraschung. Unter dem Titel »Dengl.« ist ein Gedicht mit »227« Versen gelistet, das »19.« bzw. »20.« Seiten füllen soll: Der »Dengelegeist in Hexametern«, von dem Hebel Hitzig berichtet hatte, war wohl nahezu druckreif fertiggestellt; Hebels Satzmanuskript der Allemannischen Gedichte stützt diese Vermutung. Bislang schien das Gedicht, das rasch ins Stocken geraten war (Briefe an Hitzig vom 14. April und 20. Juni 1801, Z 57 und Z 58), erst Jahre später unter dem Titel Geisterbesuch auf dem Feldberg ausgearbeitet worden zu sein.
Imprimatur!


Links: Ein seltener Glücksfall – die eigenhändige Satzvorlage zu den Allemannischen Gedichten. Manuskriptseite aus den Irrlichtern.
Zum ObjektRechts: Die entsprechende Druckseite der Irrlichter in der Erstausgabe.
Zum ObjektUm 1800 wurden Handschriften, die als Vorlage für den Satz eines Buchs dienten, nach Gebrauch meist entsorgt – doch Hebels eigenhändige Druckvorlage der Allemannischen Gedichte blieb großteils erhalten. Das Bild zeigt eine Seite aus den Irrlichtern, vor dem dritten Vers von oben ist mit Stift »P 3[« notiert, wohl ein Eintrag des Setzers: »P« dürfte ›plagula‹, ›Bogen‹ meinen, und entsprechend beginnt im Erstdruck, vgl. die Zahl am unteren Seitenrand, mit jenem Vers der dritte Druckbogen. Das Satzmanuskript der Allemannischen Gedichte dürfte im Spätsommer 1802 recht endgültig vorgelegen haben; letzte Eintragungen erfolgten wohl noch im Oktober. Anders als die Handschriftengruppe früherer Gedichtversionen weist der Text der Satzvorlage zahlreiche Änderungen auf: hier z. B., in den ersten fünf Versen, die Verdeutlichung einzelner Buchstaben sowie Feinjustierungen von Rechtschreibung und Zeichensetzung. Es finden sich indes auch markante Überarbeitungen, die Einblicke in Hebels facettenreiche Textwerkstatt erlauben.
Feilen bis zum Schluss


1 / 2
De- und Rekomposition, Umsortieren.
Links: Eigenhändige Satzvorlage zu Freude in Ehren, dritte Seite
Zum ObjektRechts: Eigenhändige Satzvorlage zu den Irrlichtern, erste Seite
Zum ObjektHebel versah die Satzhandschrift mit einem durchgehenden Blattzähler (Bild 1): Die Irrlichter etwa (Bl. »38.«–40., darüber rechts »76.«, die Anzahl der Verse) wurden zunächst nach dem Hexlein (Bl. 36.–37.) platziert – was stimmig wirkt, da beide Gedichte von magisch bedingter Orientierungslosigkeit handeln. Später entschied sich Hebel für die deutlich andere Textanordnung des Erstdrucks, und die Irrlichter (nun Bl. »18.«–20.) kamen nach Freude in Ehren (Bl. 16.–»17.«) zu stehen.
Ein überraschender Lückenfüller (Bild 2): Das Druckmanuskript ist unvollständig überliefert. Zwei kleinere Fehlstellen waren wohl mit Sommerabend bzw. Sonntagsfrühe besetzt, die der Erstdruck dann an entsprechender Stelle bietet. Was aber befand sich auf den nicht erhaltenen zehn Blättern zwischen Jenner (Bl. 104.–»105.«) und Spinne (Bl. »116.«–117.)? Jenes zahlenlastige Verzeichnis erlaubt eine plausible Vermutung, indem es den »Dengl.[egeist]« listet, der mit »227« Versen auf einen Umfang von »19.« bis »20.« Seiten, von akkurat zehn Blättern geschätzt wird. Dieses Gedicht dürfte, fertig ausgearbeitet, Teil der Satzvorlage gewesen sein – bevor Hebel kurz vor Drucklegung der Allemannischen Gedichte von einer Veröffentlichung absah.
Feilen bis ganz zum Schluss

1 / 4
Ringen um das rechte Wort mit Tinte und Feder. Seite aus der eigenhändigen Satzvorlage der Marktweiber in der Stadt.
Zum ObjektNicht nur Zusammensetzung und Anordnung der Sammlung, auch der Wortlaut der Gedichte war bei Erstellung der Satzvorlage Gegenstand intensiver Auseinandersetzung. Drei Anläufe brauchte es an einer Stelle der Marktweiber (Bild 1), um die ›richtige‹ Formulierung zu finden (sechster Vers von oben). Auch nach Niederschrift der Manuskripte bestand Änderungsbedarf. In der Wiese (Bild 2) wurde eine Passage mittels eines aufgeklebten Papierstreifens umgearbeitet. Und tatsächlich ›einschneidende‹ Texteingriffe erfuhr der Carfunkel (Bild 3): Hebel entfernte ein Blatt, Reste von dessen Innenrand mit Wortfragmenten sind am linken Rand der links gezeigten Manuskriptseite erhalten. Dort wurde später das rechts abgebildete Blatt mit dem überarbeiteten Text befestigt; die Klebung mit Lackstreifen hat sich im Lauf der Zeit gelöst. Schließlich wurde gedruckt – um nach Durchsicht der Fahnen allerletzte Änderungen anzubringen (Bild 4), z. B. einen Vers der Marktweiber doch noch umzuarbeiten (vierter bzw. siebter Vers von oben).





